Tiroler Trachtenpraxis
im 20. und 21. Jahrhundert


Forschungsprojekt des Fachs Europäische Ethnologie am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck
und der Tiroler Landesmuseen
im Rahmen der „Forschungsplattform Erinnerungskultur“ des Landes Tirol

Das auf fünf Jahre angelegte Projekt erforscht „Tracht“ vom ausgehenden 19. bis ins beginnende 21. Jahrhundert. Untersucht werden sowohl das Phänomen der historischen Instrumentalisierung von Volkskultur als auch die Tendenzen, sich das Kleidungsgenre als mehr oder weniger „demokratisch handhabbares Kulturgut“ anzueignen. Ziel des Projekts ist es, zu einer demokratisierenden Kulturgeschichtsschreibung des Trachtenwesens beitragen.

Der Schwerpunkt des Projekts liegt auf der NS-Zeit. Untersucht wird die Geschichte der „Mittelstelle Deutsche Tracht“ unter der Leitung von Gertrud Pesendorfer (1895-1982) am Tiroler Volkskunstmuseum im Deutschen Reich und der Nachkriegszeit. Pesendorfer war u. a. mit der Trachtenberatung von Verbänden wie dem Tiroler Heimatwerk, von Musikkapellen, Schützenkompagnien und Trachtenvereinen betraut. Die „Mittelstelle“ bündelte trachtenbezogene Aktivitäten von NS-Frauenschaft, Reichsnährstand, BDM und HJ.

Anknüpfend an bisherige Forschungen arbeitet das Projekt an einer differenzierten, quellengesättigten monografischen Darstellung der „Mittelstelle“ aus der Perspektive der Europäischen Ethnologie. Den zentralen Quellenbestand des Projekts bilden die im Tiroler Volkskunstmuseum archivierten rund 100 Mappen mit Bestandsaufnahmen und Erneuerungsvorschlägen der „Mittelstelle“ wie auch mit deren Entwürfen für Glas, Keramik, Holz, (Federkiel-)Stickereien und Stoffmuster. Nachgegangen wird Fragen nach dem Verhältnis von Tracht und Uniform in Theorie und Praxis nationalsozialistischer Trachtenpflege, nach der politisch-ökonomischen Bedeutung der „Trachtenwerkstätten“ in Tirol-Vorarlberg und der Wissensvermittlung durch die „Mittelstelle“.

Ein weiteres Untersuchungsfeld ist Pesendorfers Wirkungsgeschichte in der Nachkriegszeit bzw. ihre Rezeption danach. In gegenwartsbezogener Hinsicht stehen ethnografische Begegnungen mit AkteurInnen des Trachtenwesens heute im Mittelpunkt. Daraus ergeben sich vielfältige Bezugspunkte zur Geschichte der vereins- und verbandsmäßig organisierten „Trachtenerhaltung“ in Tirol und Südtirol. Feldforschungen bei Trachtenumzügen, auf Trachtenmärkten oder Trachtenhochzeiten sowie Interviews mit Menschen, die indifferente Gefühle der Tracht gegenüber haben, sind geplant.