Alttirolisches Kunstgewerbe
Da die ehemalige Grafschaft Tirol (Nord-, Süd- und Osttirol sowie Trentino) bereits im 19. Jahrhundert im Fokus des Antiquitätenhandels stand, erweiterte man das Sammlungsziel: Vormoderne, vorindustrielle Gegenstände des „alttirolischen Kunstgewerbes“ und des Handwerks, des Hausgewerbes und der Hausindustrie, sowie bäuerliche Arbeitsgeräte – sofern sie reich verziert waren – wurden nun ebenfalls erworben. Bis heute bildet das historische Tirol – die heutige Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino – den regionalen Schwerpunkt. Auch nachdem die Sammlung in das Eigentum der Handelskammer (heute: Wirtschaftskammer) überging, wurde sie sukzessive erweitert. Krippen, Stuben und Trachten sowie Handwerk, Hausgewerbe und religiöse Kunst wurden zu Kernbereichen. Dem Altphilologen Karl Radinger (1869-1921) oblag es, die Objekte erstmals zu inventarisiert.
Museums-Politik
1926 übernahm das Land Tirol das „Museum für Volkskunst und Gewerbe“, wodurch es zum ersten (und bis heute einzigen) Museum wurde, welches sich in Landesbesitz befindet. Gerade deshalb wurde das Jahr der erstmaligen Eröffnung bewusst gewählt: 1929 – und damit zehn Jahre nach der Teilung Tirols nach dem I. Weltkrieg – wurde das „Tiroler Volkskunstmuseum“ – wie es seither heißt – auf Grundlage eines Konzepts des Kunsthistorikers Josef Ringler (1893-1973) im ehemaligen Franziskanerkloster in der Innsbrucker Universitätsstraße eröffnet. Es sollte, so die damalige Eigenwerbung, das „Größte Heimatmuseum der deutschen Alpenländer“ sein. Gezeigt wurden die Prunkstücke der Sammlung: Religiöse Kunst, Objekte des zünftischen Handwerks, historischer Hausrat und Möbel, Trachten, Objekte zu Brauch und Fest sowie jene 14 Stuben von der Gotik bis zum Rokoko, die bis heute zu bewundern sind. Während der nationalsozialistischen Diktatur leitete Gertrud Pesendorfer (1895-1982) das Museum und etablierte hier die „Mittelstelle Deutsche Tracht“ als Zweigstelle der NS-Frauenschaft. Ihre Tätigkeit wurde im Zuge des Projekts „Trachtenpraxis“ (umgesetzt zwischen 2014-2019) wissenschaftlich untersucht.
Ort der Tiroler Identität
Nach der Wiedereröffnung 1948 definierte sich das Museum als „Schatzkammer des Tiroler Volkes“ und sollte zu einem Ort Tiroler Identität – nördlich und südlich des Brenners – werden. Der Historiker Franz Colleselli (1922-1979), der 1959 die Leitung des Museums übernahm, war ein ausgesprochener Möbelspezialist und baute außerdem die Sammlung von Krippen sowie religiösen Objekten weiter aus. Sammlung und Museum sollten seiner Meinung nach die „Beziehung der Volkskunst zum Leben und Wirken vor allem der bäuerlichen Menschen in Tirol“ zeigen. Unter den Volkskundlern Hans Gschnitzer, Direktor von 1980-2004, und Herlinde Menardi wurde die Sammlung um landwirtschaftliche Geräte, einfacher gearbeitete Möbelstücke, Chromolithographien, Hinterglasbilder und andere Objekte, die kunsthistorisch geringer geschätzt wurden, erweitert. In dieser Zeit wurde die Idee geboren, durch Neuerwerbungen Weiterentwicklungen und Veränderungsprozesse zu dokumentieren.
Zwischen Kunst und Massenproduktion
Die Sammlung steht im Spannungsfeld von Kunst, Alltagskultur, Handwerk und Massenproduktion. Während einst vorwiegend das Ästhetische, Historische und Außergewöhnliche den Sammlungsfokus bildeten, wird die Sammlung nunmehr verstärkt zur Gegenwart hin ausgebaut und berücksichtigt auch Alltägliches und gesellschaftspolitisch Relevantes. Dadurch soll Vergangenes mit aktuellen Debatten und Wandelprozessen verbunden sowie Konflikte und Debatten der Gegenwart dokumentiert werden. Die ältesten Objekte stammen aus dem Spätmittelalter, der zeitliche Schwerpunkt liegt im 18., 19. und 20. Jahrhundert. Fragen der Provenienz der Objekte haben in den letzten Jahren eine neue Bedeutung erhalten und werden wissenschaftlich untersucht.
Neue Fragen
Die gegenwärtige Erweiterung sowie der Umgang mit der Sammlung orientieren sich an einem Verständnis für „Volkskunst“, welches das Verhältnis des Menschen zu seinen Dingen in den Mittelpunkt rückt und solchermaßen die sozialen Dimensionen von Kultur betont. Die Bezeichnung „Volkskunst“ wird als eine Bewertung des Vergangenen aus der der Sicht der Gegenwart heraus begriffen: Das moderne Leben ist – wenn auch nicht immer sichtbar – durch Erfahrungen vergangener Zeiten geprägt. In der Kultur ist Vergangenheit längerfristig präsent – eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Im Spannungsfeld zwischen Dauer und Veränderung gelegen, zeugt „Volkskunst“ – als materielle Manifestation des kollektiven Gedächtnisses – von den mannigfaltigen Bedeutungen und somit vom Nachleben historischer Kultur in der Gegenwart.
Wir setzen das „Wertesystem Volkskunst“ in Beziehung zu Prozessen des Wandels, des Kulturkontakts und Kulturkonflikts und des symbolischen Nutzens, aber auch der Dauer, der tradierten Ordnung und Ordnungssysteme. Das Museum widmet sich dem interkonfessionellen und interreligiösen Dialog und setzt auf den Austausch unterschiedlicher Meinungen. An die alten Objekte werden deshalb neue Fragen gerichtet, die Sammlung um neue Themenbereiche erweitert. Dazu zählt u.a. die Themenfelder Design im 20./21. Jahrhundert, Migration und Mobilität oder Objekte, die im Zusammenhang mit der pluralistischen Gesellschaft der Gegenwart stehen.