Fragmente im Fokus
Kunsthistorikerin Ursula Marinelli erforscht neben vollständigen Krippen auch Fragmente von Krippenfiguren und -details – und erzählt uns von ihrer Leidenschaft.
Frau Marinelli, Sie widmen sich nicht nur vollständigen Krippen, sondern Sie erforschen auch Fragmente von Krippenfiguren. Warum ist das für Sie so interessant?
Ursula Marinelli: An den Fragmenten sieht man den Aufbau und die Machart sowie die Materialien, die verwendet wurden. Manche Figuren haben fein gearbeitete Wachsköpfe mit sehr individuell bemalten Gesichtern. Der Körper besteht oft aus einem Drahtgeflecht. Die Kleider wurden auch aus alten Messgewändern gefertigt und bemerkenswert detailgetreu mit Goldfäden bestickt. Der Reiz an den einzelnen Figuren mit den kleinen Accessoires ist natürlich auch das verspielt Puppenhafte, das sie ausstrahlen.

Wo wurden Krippenfiguren hauptsächlich hergestellt?
Marinelli: Holzkrippenfiguren in Bildhauer- und Schnitzwerkstätten wie etwa bei der Krippenschnitzerdynastie der Giner in Thaur. Wachskrippenfiguren wurden vor allem in Nonnenklöstern hergestellt, aber darüber gibt es eigentlich wenig bis gar keine Quellen, die darüber Auskunft geben würden.
Waren Krippen immer nur in Kirchen zu finden?
Marinelli: Entwicklungsgeschichtlich gab es die ersten Weihnachtskrippen in Kirchen und Klöstern, später stellten der Adel und das Patriziat Krippen nicht nur zu frommen, sondern vor allem zu Repräsentationszwecken aus. In die Tiroler Bauernstube kamen Krippen ca. ab dem 18. Jahrhundert.
Wo wurden die ersten Krippen gezeigt oder lässt sich das nicht eindeutig festmachen?
Marinelli: Die älteste Krippe steht in Rom in der Kirche S. Maria Maggiore, es sind Marmorskulpturen aus dem 13. Jhd. Die Hochblüte der Krippen war allerdings in Neapel des 18. Jahrhunderts, hier stellte man Krippen auf Terrassen und Dächer von Palazzi, damit sie von den Menschen bewundert werden konnten, das weiß man aus Reiseberichten. Goethe beschreibt in seiner „Italienischen Reise“, dass diese Krippen so ausgerichtet wurden, dass man im Hintergrund oftmals den Vesuv sah.
Im März 2026 werden Sie einen Vortrag bei der Interdisziplinären Tagung des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit (Universität Salzburg) halten. Was wird das Thema Ihres Vortrags sein?
Marinelli: Beim Vortrag geht es um die unterschiedlichen Materialien, die bei der Herstellung von Krippen zum Einsatz kommen. Das sind etwa Rinde, Kork, Wachs, unterschiedlich verarbeitete Textilien oder Pappmaché. Jedes Material hat eine eigene Wirkung und kombiniert rufen sie einen speziellen Realismus hervor, der diese Welt im Miniaturmaßstab so faszinierend macht.



