
Das barocke Zeitalter ist die letzte Epoche einer »Volkskunst«, die in alle Lebensbereiche der Menschen ausstrahlt. Ein Faltenmeer umhüllt kirchliche und weltliche Räume Tirols, in dessen Gewimmel der erlösende Aufstieg der menschlichen Seele gefeiert wird. Im oftmals von Entbehrungen geprägten alpinen Alltag des 17. und 18. Jahrhunderts erzeugen diese heiteren Räume eine Gegenwelt, die ihre Pracht nicht etwa als Verblendung der Menschen, sondern zu deren Erhebung entfaltet.
Zugleich steht der Barock für den letzten Versuch, die Welt als stabiles Ganzes zu erfahren. Um dieses Weltbild zu bewahren, wälzt das barocke Denken das Wirklichkeitsverständnis radikal in Wort und Bild um: Der Mensch empfängt seine Erkenntnisse nicht mehr aus der Welt, er erschafft – aus der Vielfalt menschlicher Blickwinkel – seine Welt vielmehr selbst. Diese Welt artikuliert sich in Falten, die er zu ihrem Verständnis in sie hineinträgt. Zum Abschluss der Ausstellung wandert daher der Blick von den faltensatten Kunstwerken hinaus auf die Alpenwelt. In deren Falten setzt sich das barocke Kräftespiel von Verbergen und Enthüllen fort: Wie in der von Falten überschwemmten Zeichnung ist in dieser Bewegung nichts endgültig entschieden. Alles ist im Fluss – Kunst für heute.
Die Grafische Sammlung der Tiroler Landesmuseen nennt den weltweit größten Zeichnungsbestand des Tiroler Barock ihr Eigen. Darunter sind zahlreiche der besten Arbeiten, die Österreichs Kunst in dieser bedeutenden Epoche hervorgebracht hat. Wir heben diesen noch weithin unbekannten Schatz und zeigen in einer opulenten Auswahl Werke, die eine erstaunliche Entfaltung ästhetischer Pracht und geistiger Tiefe im barocken Kunstgeschehen Tirols präsentieren.








