Bruno Gironcoli

Die Modernen Sammlungen präsentieren zum ersten Mal mit Ohne Titel /untitled, 1992-1995/2001 eine an Fingerhüte erinnernde große Außenskulptur vor dem Ferdinandeum. Weitere Arbeiten von Bruno Gironcoli finden sich in der Studiogalerie im 3. Stock des Museums, um die Vielschichtigkeit des künstlerischen Œuvres an einer konzentrierten Auswahl von Arbeiten darzustellen.

Am Anfang seiner künstlerischen Praxis galt Bruno Gironcolis (1936-2010) Interesse der französischen Moderne und dem abstrakten Expressionismus. Im Juli 1946 eröffnete das österreichweit erste französische Kulturinstitut in Innsbruck, das Gironcoli regelmäßig besuchte. Der wichtigste künstlerische Impuls ging in dieser Zeit von den Arbeiten Alberto Giacomettis aus, den er nach seinem Umzug nach Paris kennenlernte.

Zeitgleich begann seine Auseinandersetzung mit der existentialistischen Literatur und Philosophie Jean-Paul Sartres. Von seinen Texten beeinflusst, beschäftigte sich Gironcoli in den frühen 1960er-Jahren zunächst mit der figürlichen Bildhauerkunst. Neue Formen der künstlerischen Praxis wie der Wiener Aktionismus, Performance und Happening gegen Ende der sechziger Jahre zeugen von einer starken Veränderung seines Begriffs von Skulptur.

Seitdem fügt er riesige, im Raum ausgebreitete Objektarrangements zusammen und schafft in Form und Ikonographie außerordentliche Environments aus Gegenständen, die zu vollkommen neuartigen künstlerischen Bedeutungsträgern werden. Gironcolis Parallelwelten sind zwar märchenhaft, tragen aber das Unglück in sich. Denn in diesen künstlichen Welten kann man zwar das Wirkliche hinter sich lassen, nicht aber das Reale. Gironcoli definiert „Handlungsräume“, den apokalyptischen Kampf des Menschen mit seiner eigenen Schöpfung einer post-menschlichen Existenzweise. Die oft grauenvollen Umstände des existentiellen Kampfes brachten Gironcoli dazu, metaphernreich diese zerrissene Situation künstlerisch darzustellen, die man das Menschsein nennt.

Seine Großskulpturen erinnern an Geräte aus den Fitnessräumen des Neoliberalismus, wo man sich in Gewalt, Folter, Unterdrückung und Sexualität westlicher Lebensorientierung trainieren kann. Gironcolis Darstellungen von Subjekt und Objekt ähneln den Gespenstern des verschwundenen Proletariats und ihren Maschinen, es sind Monumente des Klassenkampfes und seiner psychosozialen Auswirkungen. Seine Aufmerksamkeit gilt dem Parterre des Lebens, und dieses humanistische Interesse verbindet ihn mit Sartre, bis zur göttlichen Anrufung.

Die Modernen Sammlungen und das Ferdinandeum sind der Leihgeberin, der Galerie Elisabeth und Klaus Thoman, zu großem Dank verpflichtet.


Laufzeit: Die Skulptur ist von 1. Juni 2020 bis 31. März 2021 vor dem Ferdinandeum zu sehen.