Auf einer Tiroler Bergspitze realisiert die Künstlerin Esther Strauß ein Denkmal aus drei Worten. Eine Audioführung vermittelt Forschungsergebnisse zum Klimawandel, erzählt vom Schnee und seiner Vergänglichkeit. Ein poetischer Beitrag zur Klimakrise. Begeben Sie sich auf eine Wanderung zum Denkmal für Schnee von Esther Strauß. Auf dem Weg begleiten Sie sechs vertiefende Hörtexte.


Audioführung zum Kunstprojekt (DE)

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Audio guide to the art project (EN)

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DENKMAL FÜR SCHNEE

Ein Text von Esther Strauß

Für gewöhnlich kommen Denkmäler immer zu spät. In den Tuxer Alpen erinnert nun ein Denkmal an einen Verlust, noch bevor er eingetreten ist. Auf einer namenlosen Spitze am Grat zwischen Glungezer und Gamslahner wird auf fast 2.700 Höhenmetern ein zarter, 80 cm langer Schriftzug aus Messing montiert. Die drei Worte Denkmal für Schnee verwandeln den Berg in einen Sockel. An seinem höchsten Punkt mag irgendwann – an einem Tag, der sich erahnen, aber nicht vorhersagen lässt – der letzte Schnee schmelzen, der auf diese Spitze fällt. Was bedeutet uns sein Verschwinden?

Von Wissenschaftler:innen wird die Klimakrise in den Alpen seit Jahrzehnten anhand der Gletscherschmelze dokumentiert. Zwischen 1969 und 2015 gingen in Österreich 40 Prozent aller Gletscher verloren; [1] in wenigen Jahrzehnten werden sie vollständig verschwunden sein. [2] Aber auch der Schnee wird weniger. Als die Glungezer Hütte 1932/33 als Starthütte für die erste FIS-Ski-Weltmeisterschaft errichtet wurde, führte ihre später legendär gewordene Abfahrt über 16 Kilometer hinunter bis zur Karlskirche ins Inntal. [3] Heute ist sie nur mehr selten in voller Länge mit Schnee bedeckt.

Der langsame Rückzug des Schnees wird in Tirol oft als wirtschaftlicher Verlust diskutiert, er kann aber auch als poetischer Verlust erlebt werden. In einem seiner Bücher fragt der Soziologe Hartmut Rosa: „Erinnerst du dich noch an den ersten Schneefall in einem Spätherbst oder Winter in deiner Kindheit? Es war wie der Einbruch einer anderen Realität. Etwas Scheues, Seltenes, das uns besuchen kommt, das sich herabsenkt und die Welt um uns herum verwandelt, ohne unser Zutun, als unerwartetes Geschenk.“ [4]

Diese Art von Freude, sagt Rosa, mag sich bei Kunstschnee kaum einstellen. Doch gerade in der Erfahrung dieser Unmöglichkeit findet der Soziologe auch ein Stück Zuversicht. Lebendigkeit, so Rosa, braucht die Begegnung mit all dem, was uns nicht verfügbar ist. [5] Nur weil wir den Schnee nicht planen oder bestellen können, nur weil er nicht im erdrückenden Übermaß fällt, kann er ein Geschenk des Himmels sein. Für wie lange noch?

Die Klimakrise kann als eine Unzahl von großen und kleinen Verlusten erzählt werden. Wer aber beweint sie? Als der Pizolgletscher 2019 so zusammengeschrumpft war, dass er aus dem Schweizer Messnetz gestrichen werden musste, luden verschiedene Umweltschutzorganisationen gemeinsam mit kirchlichen Initiativen zu einer Trauerfeier in den Glarner Alpen ein. Die Trauernden kamen in Schwarz, zum Abschied wurde ein Alphorn geblasen, der Pizolgletscher für tot erklärt. [6] „Es ist, als sterbe ein guter Freund.“  [7], erzählte der Gletscherforscher Matthias Huss.

Dass die Erwärmung der Erde und die mit ihr einhergehenden Verluste von Menschen verursacht sind, wissen wir. Wieso fällt es vielen von uns – auch mir – schwer, danach zu handeln?

In den späten 1970er-Jahren hat die Ärztin Elisabeth Kübler-Ross aus Gesprächen mit Todkranken fünf Phasen der Trauer abgeleitet. [8] Vier Jahre nach ihrem Tod beschreibt der Ökologe Steven Running anhand dieser Phasen, wie die Menschen auf die Klimakrise reagieren: Abstreiten, Ärger, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. [9] 2019 hat David Kessler eine sechste Phase formuliert: Bedeutung finden [10]. Können wir, wenn wir die Tatsachen annehmen, auf unsere jeweils eigene Weise Teil der Lösung sein, wie es die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb vorschlägt? [11]

Inmitten vieler schlechter Nachrichten gibt es auch eine gute: „Auch wenn wir nicht mehr viel Zeit haben, Einfluss haben wir noch“ [12], sagt der Klimaforscher Georg Kaser. „Vielleicht“, meint der Philosoph Michael Hirsch dazu, „kommt das Denkmal für Schnee gerade noch rechtzeitig. Es bietet unserer Trauer heute schon einen Raum. Damit ist auf zarte Weise so etwas wie Hoffnung verbunden: Vielleicht kann uns das Trauern dabei helfen, persönlich wie politisch Dinge zu tun, die von den meisten für ganz unwahrscheinlich gehalten werden.“ [13]

Und wer weiß? Womöglich hält sich im Abschied von der Welt, wie wir sie kennen, der Anfang einer neuen Welt [14] versteckt.

Esther Strauß

  • Quellenverweise

Esther Strauß

Esther Strauß (*1986 in Tarrenz, Tirol) ist Performance- und Sprachkünstlerin. In ihren Werken setzt Strauß gezielt Lücken und Geheimnisse ein. Das, was ihre Arbeiten verbergen, ist ebenso wichtig wie das, was sie preisgeben. Internationale Ausstellungstätigkeit, unter anderem im Sigmund Freud Museum London, Perdu Amsterdam und TAXISPALAIS Kunsthalle Tirol. Ihre Werke finden sich mitunter in Texten von Elfriede Jelinek und Katy Hessel wieder. Zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt RLB Kunstpreis 2024, Paul-Flora-Preis 2022 und BMKOES Staatsstipendium 2021. Seit 2015 lehrt Strauß an der Kunstuniversität Linz, wie Künstler*innen über ihre eigene Arbeit sprechen, schreiben und schweigen können. www.estherstrauss.info

 
Performance- und Sprachkünstlerin Esther Strauß

Im Rahmen vom RLB Kunstpreis 2024, mit Unterstützung der Raiffeisen Landesbank Tirol

Dank an

klimakultur.tirol, Glungezer-Hütte

Die Expert:innen: Georg Kaser, Evelyn Kustatscher,
Harald Schellander, Maria Streli-Wolf

In Zusammenarbeit mit

Gemeinde Tulfes

Wanderkarte zum Downloaden

Start: Tulfes, Talstation Glungezerbahn

Glungezerbahn
Glungezerstraße 14
6075 Tulfes

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