Auf einer Tiroler Bergspitze realisiert die Künstlerin Esther Strauß ein Denkmal aus drei Worten. Eine Audioführung vermittelt Forschungsergebnisse zum Klimawandel, erzählt vom Schnee und seiner Vergänglichkeit. Ein poetischer Beitrag zur Klimakrise. Begeben Sie sich auf eine Wanderung zum Denkmal für Schnee von Esther Strauß. Auf dem Weg begleiten Sie sechs vertiefende Hörtexte.
Denkmal für Schnee
Esther Strauß | RLB Kunstpreis- 22.7.2026 - 30.9.2030
Audioführung zum Kunstprojekt (DE)
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Da entlang des Wanderwegs keine durchgehende Internetverbindung gewährleistet werden kann, empfiehlt es sich, alle Audiodateien bereits vor dem Start herunterzuladen.
Sie hören eine Audioführung zu dem Kunstprojekt Denkmal für Schnee, das die Künstlerin Esther Strauß mit den Tiroler Landesmuseen in den Tuxer Alpen realisiert hat. Text: Esther Strauß, Stimme: Marianne Graffam.
Für gewöhnlich kommen Denkmäler immer zu spät. In den Tuxer Alpen erinnert nun ein Denkmal an einen Verlust, noch bevor er eingetreten ist. Auf einer namenlosen Spitze am Grat zwischen Glungezer und Gamslahner wurde auf fast 2.700 Höhenmetern ein zarter, 80 cm langer Schriftzug aus Messing angebracht. Die drei Worte Denkmal für Schnee verwandeln den Berg in einen Sockel. An seinem höchsten Punkt mag irgendwann – an einem Tag, der sich erahnen, aber nicht vorhersagen lässt – der letzte Schnee schmelzen, der auf diese Spitze fällt. Was bedeutet uns sein Verschwinden?
Eine, die den Schnee ihr Leben lang geliebt hat, die den Winter von früher im Inntal vermisst, ist die Trauerbegleiterin Maria Streli-Wolf. 2024 fuhr sie mit dem Zug nach Schweden, um auf einem Hundeschlitten die Schönheit einer scheinbar unendlich weiten Schneelandschaft zu spüren. Als sie zu den Lofoten weiterreiste, sah sie, wie sich Touristen und Touristinnen durch die Hauptstadt Svolvær drängten, wie ein Kreuzfahrtschiff nach dem anderen dort vor Anker ging. Und in dem Moment, erzählt sie mir, fragte sie sich: „Maria, was tust du da? Ich bin hierhergekommen, aus Sehnsucht nach Winter und Schnee. Aber auf der Suche nach dem, was mir in Tirol verloren geht, trage ich dazu bei, dass es von ihm bald noch weniger gibt.“
Wir sprechen noch lange weiter, über den Schnee, der mit uns jeden Frühling den Abschied übt, und über Sehnsüchte, für die es keine Worte gibt.
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Als ich den Klimaforscher Georg Kaser an einem Jännernachmittag in Innsbruck treffen will, sagt er mir am Vormittag unversehens ab. Zwischen Meran und Brenner hat der Schnee über Nacht die Zugstrecke unpassierbar gemacht. Als wir uns einige Wochen später treffen, sprechen wir über die wachsende Zahl der Muren, die Trockenheit, die in Tirol Ernten ausfallen lässt, und die Temperatur, die zwischen 1850 und 2024 in den österreichischen Alpen um 3,1 Grad – also doppelt so viel wie im weltweiten Durchschnitt – gestiegen ist. Die Schneesicherheit, die mit Speicherteichen wie dem Glungezer Zirbensee zumindest auf den Pisten wiederhergestellt werden soll, gibt es bei uns nicht. Die Veränderungen, die uns Angst machen, werden kommen – „by design or by desaster“, wie Georg Kaser sagt – und die einzige Frage ist, ob wir den Einfluss, den wir noch haben, geltend machen oder nicht. Wieso also handeln wir so zögerlich?
Wenn wir von der Forschung zur Klimakrise sprechen, denken viele von uns unwillkürlich an die Naturwissenschaft. Aber wissen wir, was die Klimakrise mit unserer Seele macht?
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In den späten 1970er-Jahren hat die Ärztin Elisabeth Kübler-Ross aus Gesprächen mit Sterbenskranken fünf Phasen der Trauer abgeleitet. Vier Jahre nach ihrem Tod beschreibt der Ökologe Steven Running anhand dieser Phasen, wie Menschen auf die Klimakrise reagieren: Sie streiten sie ab, sie begegnen den Tatsachen mit Wut, sie halten sich an den vermeintlich positiven Seiten des Klimawandels fest, sie verlieren sich in Hoffnungslosigkeit und sind später, nach verschiedenen Auseinandersetzungen, vielleicht dazu bereit, die Notsituation, in der wir uns befinden, anzunehmen, so erschreckend sie auch ist.
Für den Schnee in Mitteleuropa gibt es dem Frühjahr 2026 zwei Szenarien: Hält die AMOC Strömung – ein wichtiges Strömungssystem im Atlantik –, zieht der Schnee sich mit der Null-Grad-Grenze in Richtung der Gipfel zurück. Kippt die AMOC Strömung noch in diesem Jahrhundert, kommt er vielleicht trotz des Temperaturanstiegs eine Zeit lang wieder öfter zu uns zurück. Wann die AMOC Strömung kippt – schon in wenigen Jahrzehnten oder in ein paar Jahrhunderten – wissen wir nicht.
Wie aber verhält es sich mit den sozialen Kipppunkten? Wann werden wir dazu bereit sein, zu akzeptieren, was schon seit mehreren Jahrzehnten wissenschaftlich bewiesen ist?
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Wer zum Denkmal für Schnee wandert, kann bei gutem Wetter vom Panoramasteig aus den Hintertuxer Gletscher sehen. Im Sommer wird er großflächig mit Vlies abgedeckt, aus gutem Grund. Zwischen 1969 und 2015 gingen in Österreich 40 Prozent aller Gletscher verloren; in wenigen Jahrzehnten werden sie vollständig geschmolzen sein. Wer beweint diesen Verlust?
Als der Pizolgletscher 2019 so zusammengeschrumpft war, dass er aus dem Schweizer Messnetz gestrichen werden musste, luden verschiedene Umweltschutzorganisationen gemeinsam mit kirchlichen Initiativen zu einer Trauerfeier in den Glarner Alpen ein. Die Trauernden kamen in Schwarz, zum Abschied wurde ein Alphorn geblasen, der Pizolgletscher für tot erklärt. »Es ist, als sterbe ein guter Freund«, sagte der Gletscherforscher Matthias Huss.
Maria Streli-Wolf hört Menschen zu, die andere Menschen verloren haben. Viele von ihnen sagen auch noch Monate nach ihrem Verlust: Ich weiß, dass meine Mutter, der Onkel, die Freundin gestorben ist, aber begriffen habe ich es nicht. „Zwischen dem Wissen und dem Begreifen liegt ein Meer“, sagt Maria Streli-Wolf. Wie durchqueren wir es? Wie betrauern wir eine Zukunft, die wir uns erhofft haben, die uns aber nun nicht mehr gegeben ist?
So unterschiedlich die Leben von Menschen auch sein mögen, keines von ihnen ist von Abschieden frei. Was haben wir von ihnen gelernt? Was gab uns bisher in der Trauer Kraft?
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Eine Möglichkeit, Angst und Ohnmacht zu begegnen, sagt Maria Streli-Wolf, ist es, sich zu fragen: Was habe ich in der Hand? Und was nicht? Wir sind zwar die erste Generation, welche die Klimakrise als Tatsache annehmen muss, aber auch die letzte, die durch entschlossenes Handeln viele und vieles retten kann. Was wünsche ich den Kindern meiner Kinder? Was wünsche ich den Kindeskindern jener Menschen, für die die Klimakrise schon heute Tag für Tag lebensbedrohlich ist?
Die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb schreibt, dass die vernünftigste Art, der Klimakrise persönlich und politisch zu begegnen, die Arbeit an ihrer Ursache ist: die Reduktion der Treibhausgasemissionen. Sie schreibt auch, dass ein wesentliches Hindernis für effektiven Klimaschutz die Angst sein dürfte, die Menschen empfinden, wenn sie mit Verlusten konfrontiert sind, deren konkretes Ausmaß für Einzelpersonen schwer abzuschätzen ist.
Also frage ich mich: Wo kann ich Maß halten? Was kann ich teilen? Welche politischen Vertreterinnen und Vertreter wähle ich? Welche Gewohnheiten kann ich durch klimafreundliche Gewohnheiten ersetzen? Von welchen Gewohnheiten verabschiede ich mich schon jetzt freiwillig, damit ein anderer Abschied in Zukunft vielleicht nicht mehr notwendig ist? Und welche Art von Ruhe schenken mir diese Entscheidungen, auch wenn ich nur eine von vielen bin und die Entschlossenheit der vielen das ist, was jetzt notwendig ist?
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„Trauer ist das Glück, geliebt zu haben.“, schreibt die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie. Was wir lieben, spüren wir, wen wir dabei sind, es zu verlieren.
Wem oder was würden Sie heute ein Denkmal setzen? Welcher Tierart, welchem Gefühl, welcher Landschaft, welcher Ressource, welcher Gemeinschaft? Welche Zukunft wollen wir retten?
Vielleicht kommen all diese Denkmäler gerade noch rechtzeitig, wenn sie schon vor dem Verlust, den sie betrauern, errichtet werden. Vielleicht helfen sie uns, zu verstehen, was wir aufgeben wollen, um das, was uns wirklich wichtig ist, nicht zu verlieren.
Und wer weiß?
Vielleicht verwandelt sich unser Leben zum Positiven, wenn es uns gelingt, uns auf das Wesentliche zu besinnen. Und vielleicht liegt dann im Ende der Welt, wie wir sie kennen, der Anfang einer neuen Welt versteckt.
Achtung: Ab hier befinden Sie sich auf einem schwarzen Bergweg. Bis zum Denkmal sind es noch ca. 40 Min Gehzeit. Bitte beachten Sie die letzte Gondelfahrt!
Sie hörten eine Audioführung zu dem Kunstprojekt Denkmal für Schnee, das die Künstlerin Esther Strauß mit den Tiroler Landesmuseen in den Tuxer Alpen realisiert hat. Der Titel Denkmal für Schnee ist inspiriert von dem gleichnamigen Gedicht des österreichischen Autors Helwig Brunner. Text: Esther Strauß, Stimme: Marianne Graffam
Audio guide to the art project (EN)
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As a stable internet connection cannot be guaranteed along the route, it is advisable to download all audio files before setting off.
You are listening to an audio guide to the “Monument to Snow” art project, which the artist Esther Strauß has created in the Tux Alps in collaboration with the Tyrolean State Museums. Text: Esther Strauß, speaker: Marianne Graffam.
Monuments normally come too late. In the Tux Alps, however, a monument now commemorates a loss before it has occurred. On an unnamed peak on the ridge between Glungezer and Gamslahner, at an altitude of almost 2,700 metres, an unobtrusive brass inscription, 80 centimetres long, has been installed. The three words Monument to Snow transform the mountain into a pedestal. At its highest point, the last snow to fall on the peak may melt one day, a day that can be anticipated but not predicted. What does this loss mean to us?
Someone who has loved the snow all her life and misses the winters of earlier years in the Inn Valley is bereavement counsellor Maria Streli-Wolf. In 2024, she took a train to Sweden and went on a dog sledding tour to experience the beauty of a seemingly endless snow-covered landscape. Later, on the Lofoten Islands, she saw the crowds of tourists in the main town of Svolvær, and cruise ships dropping anchor there one after the other. She tells me that this prompted her to ask herself: “Maria, what are you doing? I came here because of my longing for winter and snow. But in my search for what I’ve lost in Tyrol, I’m helping to ensure that even more will soon be lost.”
We continue talking for a long time, about the snow that rehearses saying goodbye with us every spring, and about longings for which there are no words.
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I am due to meet climatologist Georg Kaser one January afternoon in Innsbruck, when he lets me know in the morning that he can´t make it. Heavy snowfall overnight between Meran and Brenner has blocked the railway line. When we meet a few weeks later, we talk about the increase in landslides, the crop failures caused by droughts in Tyrol, and the 3.1 degree rise in temperatures in the Austrian Alps between 1850 and 2024 – which is double the global average. The snow guarantee that reservoirs like the Glungezer Zirbensee are intended to restore at least on the slopes is a thing of the past. The changes we are afraid of are coming – “by design or by disaster”, as Georg Kaser puts it – and the only question is whether or not we will exercise the influence we still have. So why do we act so hesitantly?
When we talk about research into global warming, many of us automatically think of the natural sciences. But do we know what the climate crisis does to our souls?
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In the late 1970s, physician Elisabeth Kübler-Ross identified five stages of grief based on conversations with terminally ill patients. Four years after her death, ecologist Steven Running used these stages to describe how people react to the climate crisis: They deny it, they respond to the facts with anger, they cling to the supposedly positive aspects of climate change, they lose themselves in hopelessness and then, after various struggles, they may eventually be prepared to accept the dire situation we find ourselves in, however frightening it may be.
There are currently two scenarios for snowfall in Central Europe: if the AMOC system – a key system of ocean currents in the Atlantic – persists, the snow will continue to retreat towards the mountain tops following the zero-degree-line. But if the AMOC system reaches the tipping point before the end of this century, snowfalls may well become more frequent for a while, despite the rise in temperature. How long it will take before the AMOC system collapses – just a few decades or a few centuries – is not something we know.
But what about the social tipping points? When will we be ready to accept what has been scientifically proven for several decades?
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On the walk to the Monument to Snow on a clear day, you can see the Hintertux Glacier from the Panoramasteig trail. In summer, large sheets of white fabric are spread over the surface of the glacier – for a simple reason: Between 1969 and 2015, Austria’s glaciers lost 40 per cent of their volume. In a few decades, they will have disappeared completely. Who is mourning this loss?
In 2019, when the Pizol Glacier had shrunk so much that it had to be removed from the Swiss monitoring network, various environmental organisations and church initiatives organised a memorial service in the Glarus Alps. The mourners came dressed in black; an alphorn was sounded as a farewell, and the Pizol Glacier was declared dead. “It’s as if a good friend has died,” said glaciologist Matthias Huss.
Maria Streli-Wolf listens to people who have lost loved ones. Even months after their loss, many of them still say: I know that my mother, my uncle or my friend has died, but I still haven’t really grasped it. There’s an oceanbetween knowing and understanding,” says Maria Streli-Wolf. How do we cross it? How do we mourn a future that we had hoped for but is now no longer in reach?
However different people’s lives may be, none of them is free of goodbyes. What have we learnt from them? What has so far given us strength in our grief?
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One way to tackle fear and a sense of helplessness, says Maria Streli-Wolf, is to ask yourself: Where am I in control? And where am I not? We are not only the first generation to have to accept the climate crisis as a fact but also the last one that can save many lives and much of our environment though decisive action . What do I wish for my children’s children? What do I wish for the children’s children of those people for whom the climate crisis is already a life-threatening reality, day in, day out?
Climatologist Helga Kromp-Kolb says that the most sensible way to tackle the climate crisis, both personally and politically, is to address its root cause – by reducing greenhouse gas emissions. She also says that a major obstacle to effective climate action is probably the fear people feel when faced with losses whose exact extent is difficult for individuals to gauge.
And so I ask myself: Where can I practice moderation? What can I share? Which politicians should I vote for? Which of my habits can I replace with climate-friendly alternatives? What can I renounce voluntarily today so as not to have to renounce much more in the future? And what peace of mind will these decisions bring me, even though I am just one among many, and the resolve of the many is what is needed right now?
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“Those who could feel real grief were lucky to have loved,” says the writer Chimamanda Ngozi Adichie. We feel what we love when we are about to lose it.
Who or what would you erect a monument to today? Which species, which emotion, which landscape, which resource, which community? Which future do we want to save?
Maybe all these monuments come just in time, if they are erected before the loss they commemorate has occurred. Perhaps they help us to see what we are willing to give up so as not to lose what is dear to our hearts.
And who knows?
Maybe our lives will take a turn for the better if we manage to focus on what really matters. And maybe the end of the world as we know it will mark the beginning of a new one.
A word of warning: From here, it takes about 40 minutes to reach the monument on a black trail, meaning it is only recommended for experienced hikers. Also, be sure to keep an eye on the time for the last downhill ride on the cablecar!
You have been listening to an audio guide to the “Monument to Snow” art project, which the artist Esther Strauß has created in the Tux Alps in collaboration with the Tyrolean State Museums. The title Monument to Snow is inspired by the poem of the same name by the Austrian author Helwig Brunner. Text: Esther Strauß, speaker: Marianne Graffam
Infos zum Projekt
- FAQ
Was ist das „Denkmal für Schnee“?
Das „Denkmal für Schnee“ ist eine Kunstinstallation der Tiroler Künstlerin Esther Strauß in den Tuxer Alpen. Sie besteht aus einem 80 Zentimeter breiten Schriftzug aus Messing auf einer namenlosen Bergspitze nahe des Glungezers, einem Audioweg, der die Wanderung zum Denkmal begleitet, und einer Wanderkarte.
Die künstlerische Arbeit erinnert an etwas, das vielerorts bereits selten geworden ist: Schnee. Das „Denkmal für Schnee“ fragt, was uns sein langsames Verschwinden bedeutet, wie wir mit den Verlusten umgehen können, die die Klimakrise mit sich bringt, und wo in der Trauer ein Stück Hoffnung zu finden ist.
Wie sind die Hörtexte des Audiowegs abrufbar?
Entlang des Weges befinden sich Tafeln, die die Audiostation markieren. Auf den Tafeln befindet sich ein QR-Code, über den Sie zu den Hörtexten gelangen. Über diesen QR-Code ist auch eine Wanderkarte abrufbar, auf der alle wichtigen Informationen für die Wanderung zu finden sind. Diese Wanderkarte ist nicht nur digital verfügbar, sondern auch bei der Talstation der Glungezerbahn erhältlich.
Wie viele Audiostationen gibt es?
Entlang des Weges zum „Denkmal für Schnee“ befinden sich sechs Audiostationen. Die Hörtexte eröffnen verschiedene Perspektiven auf den Klimawandel.
Welche technischen Voraussetzungen brauche ich?
Die Audiotexte müssen über das eigene Smartphone abgerufen werden. Bitte laden Sie die Audiodateien möglichst bereits vor Beginn der Wanderung herunter, da die Netzabdeckung nicht überall gewährleistet ist.
Wo beginnt die Wanderung zum Denkmal?
Der Ausgangspunkt befindet sich bei der Bergstation Tulfein (2.056 m), die mit der Glungezerbahn vom Dorf Tulfes aus erreichbar ist. Die erste Audiostation befindet sich in unmittelbarer Nähe der Bergstation. An der großen Panoramatafel folgt man der Beschilderung „Glungezer-Hütte“ nach links auf den oberhalb verlaufenden breiten Weg. Die erste Audiostation ist hier nach wenigen Metern links zu finden.
Wie lange dauert die Wanderung?
Von der Bergstation Tulfein bis zum „Denkmal für Schnee“ bei der Gamslahnerspitze beträgt die reine Gehzeit etwa 2 Stunden 30 Minuten. Für das Hören der Texte, Pausen und den Rückweg sollte zusätzlich Zeit eingeplant werden.
Kann ich das Denkmal auch ohne alpine Erfahrung besuchen?
Von der Glungezer-Hütte aus ist das Denkmal über einen anspruchsvollen Grat erreichbar. Dabei handelt es sich um einen schwarzen Bergweg. Wer keine Erfahrung im alpinen Gelände hat, sollte den Abschnitt Richtung Gamslahnerspitze nicht unterschätzen und gegebenenfalls am Glungezergipfel umkehren. Informieren Sie sich vor Ihrer Tour über die aktuellen Betriebszeiten der Glungezerbahn und beachten Sie unbedingt die letzte Talfahrt. Die letzte Audiostation befindet sich bereits beim Gipfel des Glungezers. Um den Audioweg vollständig zu erleben, muss der Grat also nicht zurückgelegt werden.
Ist die Wanderung für Kinder geeignet?
Der Abschnitt bis zum Glungezergipfel (2.677 m) ist für bergerfahrene Familien gut machbar. Der weitere Weg Richtung Gamslahnerspitze führt über einen schwarzen Bergweg und erfordert alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit.
Kann ich das Denkmal das ganze Jahr über besuchen?
Die Begehbarkeit hängt von Wetter, Schnee- und Wegeverhältnissen ab. Informieren Sie sich vor der Tour über die aktuellen Bedingungen. Auf der Homepage der Sektion Alpenverein Hall in Tirol ist ein Wetterbericht, sowie eine WebCam mit Blick auf den Glungezer abrufbar.
Gibt es eine Möglichkeit, sich entlang der Strecke zu verpflegen?
In der Sommersaison 2026 ist die Glungezer-Hütte bewirtschaftet und bietet während ihrer Öffnungszeiten Speisen und Getränke an. Da sich das Angebot aufgrund geplanter Umbauarbeiten künftig ändern kann, empfiehlt es sich, vor der Tour den aktuellen Stand zu prüfen.
Wie komme ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Ausgangspunkt?
Sie können mit Bahn oder Bus bis Innsbruck oder Hall in Tirol fahren und anschließend mit der VVT-Linie 540 zur Haltestelle „Tulfes Glungezerbahn Talstation“. Von dort fahren sie mit der Gondelbahn bis zur Mittelstation Halsmarter (1.560 m) und dann weiter mit dem „Tulfein Express“ zur Bergstation Tulfein. Wer von Innsbruck nach Tulfes mit Bahn und/oder Bus statt mit dem PKW anreist, spart rund 2,10 kg an CO₂-Emissionen.
Kann ich die Audioführung auch erleben, ohne die Wanderung zu machen?
Ja. Die Audiobeiträge können auch unabhängig von der Wanderung gehört werden. Sie sind über die Website der Tiroler Landesmuseen abrufbar. Das Gehen des Weges ist jedoch ein wesentlicher Teil, um das Kunstwerk von Esther Strauß zu erfahren.
Warum braucht Schnee ein Denkmal?
Denkmäler erinnern meist an Menschen, Ereignisse oder Dinge, die bereits vergangen sind. Dieses Denkmal erinnert an einen Verlust, bevor er vollständig eingetreten ist. Es lädt dazu ein, darüber nachzudenken, was uns der Schnee bedeutet und wie wir der Klimakrise begegnen wollen.
Was haben Kunst und Klimaschutz miteinander zu tun?
Klimaschutz braucht politische Entscheidungen, technologische Innovationen und finanzielle Investitionen. Kunst kann diese Maßnahmen nicht ersetzen. Sie kann jedoch dazu beitragen, sichtbar zu machen, was auf dem Spiel steht, und Menschen einladen, ins Handeln zu kommen, und sich eine andere Art zu leben vorzustellen.
Warum geht es um Schnee und nicht um Gletscher?
Das Verschwinden der Gletscher ist sichtbar und wissenschaftlich gut dokumentiert. Der Rückzug des Schnees geschieht oft langsamer und unauffälliger. Mit Schnee verbinden viele Menschen besondere Erinnerungen, Kindheitserfahrungen, er ist für die Tiroler Kultur und Wirtschaft prägend. Was bedeutet uns sein Verschwinden?
Was zeichnet die künstlerische Arbeit von Esther Strauß aus?
Esther Strauß arbeitet mit Performance, Sprache, Fotografie und ortsspezifischen Installationen. Mit einfachen, genau gesetzten Handlungen greift sie in reale Situationen ein und verändert Beziehungen, Bedeutungen und den Blick auf vertraute Dinge. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit Erinnerung, Verlust, Verletzlichkeit und Vertrauen. Viele ihrer Arbeiten bewegen sich an Schwellen: zwischen persönlicher Erfahrung und gesellschaftlicher Wirklichkeit, zwischen Nähe und Distanz sowie zwischen präziser künstlerischer Setzung und einem offenen Ausgang.
Auf welchen Inhalten basiert die Recherche zum Projekt?
Das „Denkmal für Schnee“ entstand in engem Austausch mit Wissenschaft und regionaler Expertise. Es stützt sich auf Gespräche mit dem Klimaforscher Georg Kaser, dem Meteorologen Harald Schellander, der Paläobotanikerin Evelyn Kustatscher und der Trauerbegleiterin Maria Streli-Wolf. Die Wanderkarte wurde im Rahmen der Lehrveranstaltung Methoden der Datenerfassung am Institut für Geographie der Universität Innsbruck unter der Leitung von Martin Ladner entwickelt.
Warum machen die Tiroler Landesmuseen ein Ausstellungsprojekt in den Bergen und nicht im Museum?
Das Ferdinandeum ist derzeit wegen seines Umbaus geschlossen. „Denkmal für Schnee“ verlässt jedoch nicht nur deshalb den Museumsraum. Die Arbeit führt bewusst an den Ort, an dem die Veränderungen durch die Klimakrise unmittelbar wahrnehmbar werden. Der Weg, die körperliche Anstrengung, das Wetter und die alpine Landschaft sind Teil der künstlerischen Erfahrung. Damit erweitert das Projekt die Arbeit des Museums: Kunst wird nicht nur in Ausstellungsräumen gezeigt, sondern kann neue Zugänge zu aktuellen gesellschaftlichen und ökologischen Fragen eröffnen.
Woher stammt der Titel „Denkmal für Schnee“?
Der Titel des Projekts ist von dem gleichnamigen Gedicht des österreichischen Schriftstellers Helwig Brunner inspiriert. Für die großzügige Erlaubnis, den Titel verwenden zu dürfen, gilt ihm besonderer Dank.
Wie wirkt sich die Klimakrise auf die österreichischen Alpen aus?
Laut dem aktuellen Klimabericht für Österreich (AAR2) ist die Temperatur in den österreichischen Alpen zwischen 1850 und 2024 um 3,1 Grad gestiegen – also doppelt so viel wie im weltweiten Durchschnitt. Zwischen 1969 und 2015 gingen in Österreich 40 Prozent aller Gletscher verloren; in einigen Jahrzehnten könnten sie vollständig verschwunden sein. Zwischen 1984 und 2018 hat sich die Null Grad Grenze im nördlichen Teil der Alpen um 130 Höhenmeter pro Jahrzehnt und im südlichen Teil der Alpen um 120 Höhenmeter pro Jahrzehnt nach oben verschoben. Die Zahl der Muren und Trockenperioden nehmen zu. Die Konsequenzen dieser Entwicklungen sind nicht nur für Tirol weitreichend: Die Europäischen Alpen werden oft als Wasserturm Europas bezeichnet, weil sie die Donau, den Rhein, die Rhône und den Po mit Wasser versorgen.
- Anfahrt, Informationen
Öffentliche Anreise
Die Glungezerbahn ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar. Mit Bahn oder Bus bis Innsbruck oder Hall in Tirol, weiter mit der VVT-Linie 540 bis zur Haltestelle „Tulfes Glungezerbahn Talstation“. Die Haltestelle befindet sich direkt bei der Talstation.Anreise mit dem Auto
Über die A12/A13 bis zur Ausfahrt Hall-Mitte, anschließend über die Landesstraße nach Tulfes zur Talstation der Glungezerbahn. Parkplätze befinden sich bei der Talstation.Klimafreundlich unterwegs
Wer von Innsbruck nach Tulfes mit Bahn und/oder Bus statt mit dem PKW anreist, spart rund 2,10 kg an CO₂-Emissionen.Öffnungszeiten Glungezerbahn
Mo–So: 08:30–17:00 Uhr
Bitte beachten Sie die letzte Talfahrt!Für aktuelle Öffnungszeiten und Abendfahrten informieren Sie sich auf der Webseite der Glungezerbahn: www.glungezerbahn.at
Wegbeschreibung
Start: Tulfes, Talstation Glungezerbahn
Ziel: Denkmal für SchneeGehzeiten:
Bergstation Tulfein – Tulfein Jöchl: ca. 50 min
Tulfein Jöchl – Glungezergipfel: ca. 1 h
Glungezergipfel – Gamslahnerspitze: ca. 40 minDie angegebenen Zeiten sind reine Gehzeiten ohne Aufenthalte an den Audiostationen entsprechend der Kriterien der Wegeklassifizierung (www.inntaler-hoehenweg.com) lt. Tiroler Bergwegekonzept.
Die Auffahrt erfolgt bequem mit der 10er-Gondelbahn der Glungezerbahn von Tulfes (948 m) zur Mittelstation Halsmarter (1.560 m). Von dort geht es mit dem ebenfalls gondelbetriebenen Tulfein Express weiter zur Bergstation Tulfein (2.056 m). Hier befindet sich der Ausgangspunkt der Tour mit der 1. Audiostation.
An der großen Panoramatafel folgt man der Beschilderung „Glungezer-Hütte“ nach links auf den oberhalb verlaufenden breiten Weg – nicht zur Tulfeinalm. Dieser führt zunächst durch eine kurze Waldschneise und anschließend auf einem Pfad links am Zirbensee vorbei aufwärts. Wenig später mündet der Pfad in den Kurt-Recheis-Weg, eine breite Schotterstraße. Nach wenigen Metern erreicht man dort die 2. Audiostation.
Der weitere Weg verläuft in angenehmer Steigung auf der Schotterstraße bergauf. Man passiert die Schaferhütte (privat, nicht bewirtschaftet) und erreicht kurz vor dem Gebäude der Materialseilbahn der Glungezer-Hütte die Weggabelung „Schartenkogel / Glungezer-Hütte“ am Tulfein Jöchl (2.278 m). Dort verlässt man die Schotterstraße und folgt der Beschilderung „Glungezer-Hütte“ nach rechts auf den Panoramasteig (AV 333). Nach wenigen Minuten entlang des Tulfein-Jöchls gelangt man zur 3. Audiostation, passiert die Weggabelung „Gwannschafalm / Naviser Jöchl“ und beginnt schließlich den Aufstieg über den großzügig markierten Panoramasteig.
Dieser führt nun, begleitet von eindrucksvollen Ausblicken, über zunehmend felsiges Gelände am Nordostrücken des Glungezers bergauf. Auf einem kurzen Flachstück wird schließlich die 4. Audiostation erreicht. Anschließend verläuft der Steig kontinuierlich ansteigend bis zur Weggabelung „Glungezergipfel / Glungezer-Hütte“, die sich unterhalb des Gipfelkreuzes befindet. Hier zweigt man nach links ab, gelangt zur 5. Audiostation und steigt in südlicher Richtung in Spitzkehren zum Glungezergipfel (2.677 m) mit der 6. Audiostation auf. Das Gipfelkreuz befindet sich nicht direkt am höchsten Punkt, sondern etwa 120 Meter davor.
Vom Glungezergipfel (2.677 m) aus setzt sich der Weg in südöstlicher Richtung über den Grat fort. Hier folgt man dem Glungezer Geier Weg (AV 335), der als schwarzer, schwieriger Bergweg klassifiziert ist und entsprechende alpine Erfahrung voraussetzt. Der Gratverlauf führt in einem Auf und Ab über Passagen mit weglosem Felsplatten- und Felsblockgelände, wo ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erforderlich ist, bis zum Denkmal für Schnee bei der Gamslahnerspitze (2.681 m).
Retourweg: Der Rückweg erfolgt auf derselben Strecke wie der Aufstieg. Unbedingt die letzte Talfahrt der Glungezerbahn beachten!
Wichtige Kontakte:
Glungezerbahn: Tel.: +43 5223 78321
Alpinnotrufnummer: 140
Hinweise:
Mobiltelefon: Netzverbindung ist nicht durchgängig gegeben! Nehmen Sie Ihr Mobiltelefon mit vollständig geladenem Akku mit und speichern Sie die Alpinnotrufnummer 140.
Ausrüstung: Regen- und Windjacke, Sonnenschutz, Verpflegung, Notfallausrüstung, etc.
Entlang der Strecke gibt es keine Wasserquelle und keine Möglichkeit, Wasser nachzufüllen.
Die Wahl der richtigen Schuhe ist für eine erfolgreiche und sichere Bergtour von entscheidender Bedeutung. Bergschuhe (min. Kat. B), die für anspruchsvolles Gelände konzipiert sind, bieten den nötigen Halt und Schutz. Sportschuhe sind für diese Art von Aktivität nicht geeignet!
Achten Sie im Felsblockgelände besonders auf rutschige Stellen und gehen Sie vorausschauend.
Bleiben Sie auf den markierten Wegen, um die alpine Vegetation zu schonen.
Schätzen Sie Ihre Fähigkeiten realistisch ein, respektieren Sie Ihre Grenzen und kehren Sie bei Müdigkeit oder schlechtem Wetter rechtzeitig um. Dies gilt insbesondere für den Abschnitt Glungezergipfel – Gamslahnerspitze.
Beachten Sie unbedingt die letzte Talfahrt der Glungezerbahn.
Haftungsausschlusserklärung
Die Tourenbeschreibung und die Wanderkarte haben wir mit bestem Wissen erstellt. Das Benützen der Wege erfolgt auf eigene Gefahr. Für Ihre Sicherheit sind Sie selbst verantwortlich. Die Tiroler Landesmuseen übernehmen keine wie immer geartete Haftung für Schäden, die bei der Benützung der Wege entstehen. Beachten Sie, dass Sie sich im alpinen Gelände bewegen. Informieren Sie sich vor Antritt der Tour über den Zustand der Wege. Beachten Sie außerdem die Verhaltensregeln für das Wandern im Gebirge. (Fehler und Änderungen vorbehalten.)
Credits
Dieses Kartenprodukt entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung »Methoden der Datenerfassung« am Institut für Geographie der Universität Innsbruck unter der Leitung von Martin Ladner. Realisiert durch die Studierenden: Johanna Magdalena Gaab, Amelie Heilbrunner, Marie-Jeanne Kutscher, Max Plangger, Elias Schöfbänker und Manuel Finn Seltmann. Verwendet wurden hierbei die Software ArcGIS Pro, Daten des Landes Tirol (data.tirol.gv.at) sowie ortsübliche Namen in Absprache mit dem Alpenverein Hall in Tirol.
DENKMAL FÜR SCHNEE
Ein Text von Esther Strauß
Für gewöhnlich kommen Denkmäler immer zu spät. In den Tuxer Alpen erinnert nun ein Denkmal an einen Verlust, noch bevor er eingetreten ist. Auf einer namenlosen Spitze am Grat zwischen Glungezer und Gamslahner wird auf fast 2.700 Höhenmetern ein zarter, 80 cm langer Schriftzug aus Messing montiert. Die drei Worte Denkmal für Schnee verwandeln den Berg in einen Sockel. An seinem höchsten Punkt mag irgendwann – an einem Tag, der sich erahnen, aber nicht vorhersagen lässt – der letzte Schnee schmelzen, der auf diese Spitze fällt. Was bedeutet uns sein Verschwinden?
Von Wissenschaftler:innen wird die Klimakrise in den Alpen seit Jahrzehnten anhand der Gletscherschmelze dokumentiert. Zwischen 1969 und 2015 gingen in Österreich 40 Prozent aller Gletscher verloren; [1] in wenigen Jahrzehnten werden sie vollständig verschwunden sein. [2] Aber auch der Schnee wird weniger. Als die Glungezer Hütte 1932/33 als Starthütte für die erste FIS-Ski-Weltmeisterschaft errichtet wurde, führte ihre später legendär gewordene Abfahrt über 16 Kilometer hinunter bis zur Karlskirche ins Inntal. [3] Heute ist sie nur mehr selten in voller Länge mit Schnee bedeckt.
Der langsame Rückzug des Schnees wird in Tirol oft als wirtschaftlicher Verlust diskutiert, er kann aber auch als poetischer Verlust erlebt werden. In einem seiner Bücher fragt der Soziologe Hartmut Rosa: „Erinnerst du dich noch an den ersten Schneefall in einem Spätherbst oder Winter in deiner Kindheit? Es war wie der Einbruch einer anderen Realität. Etwas Scheues, Seltenes, das uns besuchen kommt, das sich herabsenkt und die Welt um uns herum verwandelt, ohne unser Zutun, als unerwartetes Geschenk.“ [4]
Diese Art von Freude, sagt Rosa, mag sich bei Kunstschnee kaum einstellen. Doch gerade in der Erfahrung dieser Unmöglichkeit findet der Soziologe auch ein Stück Zuversicht. Lebendigkeit, so Rosa, braucht die Begegnung mit all dem, was uns nicht verfügbar ist. [5] Nur weil wir den Schnee nicht planen oder bestellen können, nur weil er nicht im erdrückenden Übermaß fällt, kann er ein Geschenk des Himmels sein. Für wie lange noch?
Die Klimakrise kann als eine Unzahl von großen und kleinen Verlusten erzählt werden. Wer aber beweint sie? Als der Pizolgletscher 2019 so zusammengeschrumpft war, dass er aus dem Schweizer Messnetz gestrichen werden musste, luden verschiedene Umweltschutzorganisationen gemeinsam mit kirchlichen Initiativen zu einer Trauerfeier in den Glarner Alpen ein. Die Trauernden kamen in Schwarz, zum Abschied wurde ein Alphorn geblasen, der Pizolgletscher für tot erklärt. [6] „Es ist, als sterbe ein guter Freund.“ [7], erzählte der Gletscherforscher Matthias Huss.
Dass die Erwärmung der Erde und die mit ihr einhergehenden Verluste von Menschen verursacht sind, wissen wir. Wieso fällt es vielen von uns – auch mir – schwer, danach zu handeln?
In den späten 1970er-Jahren hat die Ärztin Elisabeth Kübler-Ross aus Gesprächen mit Todkranken fünf Phasen der Trauer abgeleitet. [8] Vier Jahre nach ihrem Tod beschreibt der Ökologe Steven Running anhand dieser Phasen, wie die Menschen auf die Klimakrise reagieren: Abstreiten, Ärger, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. [9] 2019 hat David Kessler eine sechste Phase formuliert: Bedeutung finden [10]. Können wir, wenn wir die Tatsachen annehmen, auf unsere jeweils eigene Weise Teil der Lösung sein, wie es die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb vorschlägt? [11]
Inmitten vieler schlechter Nachrichten gibt es auch eine gute: „Auch wenn wir nicht mehr viel Zeit haben, Einfluss haben wir noch“ [12], sagt der Klimaforscher Georg Kaser. „Vielleicht“, meint der Philosoph Michael Hirsch dazu, „kommt das Denkmal für Schnee gerade noch rechtzeitig. Es bietet unserer Trauer heute schon einen Raum. Damit ist auf zarte Weise so etwas wie Hoffnung verbunden: Vielleicht kann uns das Trauern dabei helfen, persönlich wie politisch Dinge zu tun, die von den meisten für ganz unwahrscheinlich gehalten werden.“ [13]
Und wer weiß? Womöglich hält sich im Abschied von der Welt, wie wir sie kennen, der Anfang einer neuen Welt [14] versteckt.
Esther Strauß
- Quellenverweise
[1] S. Fuchs, W. Schöner, R. Steiger, et al. (2025): The Austrian Alps as multi-dimensional focal area., in: Huppmann, D/ Keiler, M/Riahi, K et al. (Hg.): Second Austrian Assessment Report on Climate Change (AAR2) of the Austrian Panel on Climate Change (APCC), Wien 2025, S. 5.
[2] Gespräch mit Georg Kaser, Mai 2025.
[3] Alpenverein Hall in Tirol: Glungezer Hütte: Bedeutung der Hütte. URL: https://www.glungezer-huette.at/huette/bedeutung/ (Zugriff: 10.05.2026).
[4] Rosa, Hartmut: Unverfügbarkeit, Berlin 2020, S. 7.
[5] Vgl. Rosa: Unverfügbarkeit (wie Anm. 4), S. 7f.
[6] Vgl. Schrader, Christopher: Über Klima sprechen: Das Handbuch, München 2022, S. 360.
[7] Schrader: Handbuch (wie Anm. 6),. S. 360.
[8] Vgl. Schrader: Handbuch (wie Anm. 6), S. 362.
[9] Vgl. Schrader: Handbuch (wie Anm. 6), S. 363f.
[10] Kessler, David: Finding Meaning: The Sixth Stage of Grief, New York City 2020.
[11] Kromp-Kolb, Helga: Für Pessimismus ist es zu spät: Wir sind Teil der Lösung, Wien – Graz 2023.
[12] Gespräch mit Georg Kaser, Februar 2026.
[13] Telefonat mit Michael Hirsch, Jänner 2025.
[14] Schneider, Birgit: Der Anfang einer neuen Welt, Berlin 2023.
Esther Strauß
Esther Strauß (*1986 in Tarrenz, Tirol) ist Performance- und Sprachkünstlerin. In ihren Werken setzt Strauß gezielt Lücken und Geheimnisse ein. Das, was ihre Arbeiten verbergen, ist ebenso wichtig wie das, was sie preisgeben. Internationale Ausstellungstätigkeit, unter anderem im Sigmund Freud Museum London, Perdu Amsterdam und TAXISPALAIS Kunsthalle Tirol. Ihre Werke finden sich mitunter in Texten von Elfriede Jelinek und Katy Hessel wieder. Zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt RLB Kunstpreis 2024, Paul-Flora-Preis 2022 und BMKOES Staatsstipendium 2021. Seit 2015 lehrt Strauß an der Kunstuniversität Linz, wie Künstler*innen über ihre eigene Arbeit sprechen, schreiben und schweigen können. www.estherstrauss.info
Dank an
klimakultur.tirol, Glungezer-Hütte
Die Expert:innen: Georg Kaser, Evelyn Kustatscher,
Harald Schellander, Maria Streli-Wolf
In Zusammenarbeit mit
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Start: Tulfes, Talstation Glungezerbahn
Glungezerbahn
Glungezerstraße 14
6075 Tulfes
Kuratorin
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