Die Geschichte Tirols ist ganz wesentlich von Migration geprägt. Über die Jahrhunderte bis heute haben Ein- und Auswanderung das Gesicht dieses Landes geformt. Die Normalität der Migration wurde jedoch in der national orientierten Geschichtsschreibung bisher wenig berücksichtigt. Denn Geschichte erzählt oft von den Mächtigen in der Gesellschaft, die meist die männlichen Nachkommen langansässiger Familien sind. Frauen, MigrantInnen und ArbeiterInnen stehen dabei für gewöhnlich in deren Schatten.
Diese (Miss-)Verhältnisse werden seit einigen Jahren in Frage gestellt. Im Museum sollen die Sammlungen und vor allem die Deutung der Objekte, die in den Schauräumen vermittelt wird, systematisch überprüft werden. „Hier zuhause. Migrationsgeschichten aus Tirol“ wird dazu auch einen Beitrag leisten. Die Ausstellung erzählt keine Herkunfts- sondern eine Sozialgeschichte. Im Mittelpunkt steht die Arbeitsmigration der 1960er und 1970er Jahre. Doch davon fehlte in den Museumsbeständen jede Spur. Durch einen Sammelaufruf haben wir versucht, diese Lücke zu schließen. Die Objekte sind jedoch ohne die Erinnerungen, die damit verknüpft sind, wenig aussagekräftig. Denn wie sieht Migration aus? Was ist ein Migrationsobjekt? Mit diesen Fragen haben wir uns, eine umfangreiche Konzeptgruppe, lange beschäftigt. Jetzt möchten wir die Fragen an Sie weitergeben. Denn Antworten gibt es sowohl keine als auch viele.
Um den diskursiven Charakter der Ausstellung hervorzuheben, ist sie als Konferenzraum gestaltet. Es werden verschiedene Themen behandelt, zu denen die ProtagonistInnen vielfältige Perspektiven bieten. Auf diese Weise treffen Kommentare auf Objekte und Fakten, um Assoziationen anzuregen – sowie (selbst-)kritische Reflexionsmomente. Etwa die Fragen: Wer spricht? Auf wessen Wunsch? Welche Geschichten möchte wer hören?
Sichtbar machen
Tirol wurde (und wird) in erster Linie als etwas Gewordenes verstanden – nicht als etwas fortlaufend Werdendes. Alles, was dieses Bild störte, wurde ausgeklammert – dazu gehörten insbesondere Fragen zu Kulturkontakten und Migration. Beides wurde entweder als „nicht zugehörig“ oder als Teil einer weit zurückliegenden Vergangenheit interpretiert. Dementsprechend wurden diese Aspekte der Kultur- und Sozialgeschichte im Museum weder gesammelt noch dokumentiert.
Ausstellungen bieten eine ideale Plattform, um wenig beachtete Aspekte der Landesgeschichte sichtbar zu machen. Sie können Alternativen zu den oft unkritisch aufgenommenen, medial verbreiteten Bildern der Migration erzeugen. Denn während Äußerungen und Texte zum Thema Migration gerade in den Medien schon länger skeptisch überprüft werden, gelten Bilder weiterhin als glaubwürdiger. Und wenn visuelle Darstellungen als Abbild von vermeintlich wahren Tatsachen betrachtet werden, ist ihre Macht schier grenzenlos. Bilder von bedrohlich wirkenden Massen, die MigrantInnen repräsentieren sollen, machen diese eigentlich unsichtbar.
Die Tiroler Landesmuseen veranstalten eine Trilogie zum Thema Migration, die in Kooperation mit mehreren Partnern ins Leben gerufen wurde. 2016 versuchte die Ausstellung „Alles fremd – alles Tirol“ auf Kulturkontakte und Stereotype aufmerksam zu machen. Das Projekt wird 2017 mit dieser Ausstellung fortgesetzt und hat 2018 einen weiteren Höhepunkt in einer Veranstaltungsreihe zu Migration und Flucht im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum. Begleitend dazu wird weiterhin gesammelt. Die Objekte kommen ins Tiroler Volkskunstmuseum sowie ins Dokumentationsarchiv für Migration, das im Zentrum für Migrantinnen und Migranten in Tirol angesiedelt ist. Die Ausstellungstrilogie hat das Museum verändert. Kulturkontakte und Migration werden nicht nur als etwas Selbstverständliches wahrgenommen: Sie sind das eigentlich Typische in Tirol.