4.3.2021
4 min
Dr.in Sonia Buchroithner

Ein Geschenk von 1836

Wie ein Objekt in die Sammlungen der Tiroler Landesmuseen kommt, ist in jedem Fall eine eigene Geschichte. Sonia Buchroithner erzählt über die Provenienzforschung.

// Auszug aus dem Wissenschaftlichen Jahrbuch 2020 //

Wie ein Objekt in die Sammlungen des Ferdinandeums gekommen ist, ist in jedem Fall eine ganz eigene Geschichte. Aber wo beginnt man zu suchen?

Auf der Grundlage des im Museum vorhandenen Aktenmateriales und anderer Überlieferungen kann oft die Erwerbungsgeschichte einzelner Objekte rekonstruiert und erzählt werden. Manchmal findet man eine alte Inventarnummer oder eine Jahreszahl auf den Objekten, dieser kann man nachgehen. Spuren zu einer Vorprovenienz werden gesichert und bearbeitet. Wir haben uns auf die Suche nach der Erwerbungsgeschichte eines kleinen Bergwerkmodells in den Historischen Sammlungen gemacht.

Die Erwerbungsgeschichte eines Bergwerkmodells

Das Modell stellt einen Bergwerksbetrieb in Miniatur im steilen Gelände dar, mit zahlreichen Knappenfiguren, im Vordergrund steht eine Schmelzhütte. Das Objekt wurde von Franz Obholzer im Jahr 1746 gefertigt, er signierte seine Arbeit an der Rückseite.
Das Modell steht in der Tradition der sogenannten „Handsteine“, die vor allem im Zeitalter der Spätrenaissance und des Barock beliebt waren. Für dieses Objekt wurden Mineralien aus dem Schwazer Bergbau wie Kupfererze, Fahlerz, Aragonit, Azurit und vor allem Malachite verarbeitet. Weiters sind noch Eisenblüten und Kalzite eingearbeitet

Abbildung des Bergwerkmodells
© TLM
Abbildung des Bergwerkmodells

Erste Hinweise in der Literatur

Einen wichtigen Hinweis auf dieses Objekt findet sich in der „Tyrolischen Bergwerksgeschichte“ von Joseph Sperges (1765). Er beschreibt darin: „[…] nebst dem zu Schwatz ein kleines Bergwerk gekauft habe. Sie stutzen darüber: ja Sie sollen es ohne Mühe sehen: es ist ein kleines von mineralischen Handsteinen artig zusammengesetztes Kästchen, welches das Gebirge, und in kleinen sehr rührenden Figuren auch die Bergleute, jeden bey seiner Arbeit vorstellet, und von der Hand eines hierinn geschickten Meisters mit Namen Franz Oberholzer, ist.“ Das erwähnte umhüllende Kästchen scheint verloren gegangen zu sein. Ob es sich bei dem so beschriebenen Objekt um unser kleines Bergwerksmodell handelt?

Aber wie kam es In die Tiroler Landesmuseen?

Vermutlich hat Obholzer einige derartige Bergwerke gefertigt und eines davon ist in den Bestand des Ferdinandeums gelangt. Aber auf welche Weise und wann? War es eine Schenkung, ein Erbe oder ein Kauf? Wer hat es vermittelt/geschenkt? Lange konnten diese Fragen nicht beantwortet werden, gaben doch die Museumsakten und auch die Jahresberichte diesbezüglich nichts preis. Bei der Durchsicht der Erwerbungsbücher wurde ich aber fündig. Wie so oft, zufällig bei der Suche nach etwas ganz anderem.

Im Erwerbungsbuch des Ferdinandeums für das Jahr 1836 findet sich der Hinweis auf einen Erwerb am 26. April. Alois von Pfaundler von Sternfels (1765–1847), Fachdirektor für Mineralogie und Geologie, überreichte dem Museum das „Modell des Schwazer Bergwerks, verfertigt von Franz Obholzer zu Schwaz“.

Sperges erwähnt in seiner „Tyrolischen Bergwerksgeschichte“ Franz Obholzer und seine Arbeit (Ausschnitt)
© TLM
Sperges erwähnt in seiner „Tyrolischen Bergwerksgeschichte“ Franz Obholzer und seine Arbeit (Ausschnitt)

Im Zeughaus zu sehen

Das Modell ist seit 1973 durchgängig in der Schausammlung des Zeughauses zu sehen. Es befand sich davor in den Sammlungen des Tiroler Volkskunstmuseums, wie eine Inschrift auf der Rückseite zeigt: „F.V.K. 2552“. Dies ist ein Hinweis, dass sich das Modell als Objekt des Ferdinandeums leihweise in den Sammlungen des Tiroler Volkskunstmuseums befunden hat. 1931 fand zwischen dem Ferdinandeum und dem Volkskunstmuseum ein Austausch von Sammlungsgegenständen statt.

Im Erwerbungsbuch für das Jahr 1836 findet sich der Vermerk über den Eingang des Bergwerkmodell
© TLM
Im Erwerbungsbuch für das Jahr 1836 findet sich der Vermerk über den Eingang des Bergwerkmodell

Anhand dieser ausgewählten Erwerbungsgeschichte zeigt sich die Bedeutung der Provenienzforschung für die einzelnen Sammlungsbereiche, die nicht nur einzelne Erwerbungsgeschichten rekonstruiert, sondern darüber hinaus auch immer wieder spannende Parallelen zur Geschichte des Landes Tirol und seiner Bürgerinnen und Bürger aufzeigt, sowie zur fast 200 jährigen Museumsgeschichte.

Rückseiteninformationen sind wichtige Quellen zur Recherche
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Rückseiteninformationen sind wichtige Quellen zur Recherche

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Der vollständige Artikel wurde im Wissenschaftlichen Jahrbuch 2020 veröffentlicht.

Der heurige 13. Band gliedert sich in drei große Themenbereiche: die COVID-19-Pandemie aus verschiedenen wissenschaftlichen Blickwinkeln; Artikel der Teilnehmer*innen der Tagung „Die Kehrseite des Unsichtbaren“ im Zuge der Ausstellung „Vergessen“ im Ferdinandeum; und diverse Beiträge zu geistes- und naturwissenschaftlichen Themen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Tiroler Landesmuseen.

Wissenschaftliches Jahrbuch 2020
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Wissenschaftliches Jahrbuch 2020

Autorin

Dr.in Sonia Buchroithner

 
Sonia Buchroithner
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