Herr Auer, Sie sind seit 2021 Grabungsleiter in Aguntum. Was macht die einzige Römerstadt Tirols so bedeutend?
Die Architektur, die man in Aguntum findet, ist trotz der Lage im alpinen Raum bemerkenswert mediterran geprägt. Das kann man in anderen römischen Städten in Österreich bisher nicht nachweisen. Das zeigt sich etwa am Atriumhaus, einem aus Pompeji bekannten Haustyp mit offenem Innenhof, sowie am Rundmacellum, einem Marktgebäude, das in dieser Bauform sonst vor allem in Mittelitalien vorkommt.
Mediterranes Flair im alpinen Raum
Martin Auer, Grabungsleiter von Aguntum, spricht über die Erforschung der einzigen Römerstadt Tirols, ihren mediterranen Charakter und über die zentrale Bedeutung von Bergkristall für die einstige Handelsstadt.

Wie muss man sich das Leben in der Römerzeit in Aguntum vorstellen?
Es war eine kleine Stadt mit mindestens 5.000 Einwohnern, vielleicht auch 10.000, das lässt sich schwer sagen, weil man die Ausdehnung der Stadt bislang noch nicht genau kennt. Die Stadt war sicher deutlich größer, als der heute sichtbar gemachte Baubestand. Die Ausgrabungen zeigen nur einen kleinen Ausschnitt. Es gab neben den Wohnhäusern auch Handwerksbetriebe. Man muss davon ausgehen, dass in der Stadt besonders im Winter auch Tiere wie Hühner, Schweine oder Schafe gehalten wurden.
In Aguntum haben Sie und Ihr Team viele Bergkristalle gefunden. Was hat es mit ihnen auf sich?
Uns Archäologen beschäftigt die Frage, warum Aguntum auf dem Gebiet der heutigen Gemeinden Dölsach und Nußdorf-Debant gebaut wurde. Von 2008 bis 2025 haben wir das Händlerforum ausgegraben, ein relativ großer Baukomplex, in dem über 2000 Bergkristalle gefunden wurden. Es zeichnet sich ab, dass Bergkristall als Luxusmaterial in der Anfangszeit der Stadt eine wesentliche Rolle gespielt haben dürfte. Vermutlich wurden die Steine dort geprüft, sortiert und weiterverkauft.
In Aguntum führt die Universität Innsbruck seit den 90er-Jahren Lehrgrabungen durch. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, wo als nächstes gegraben wird?
Die Grabungsorte wurden teilweise durch äußere Umstände bestimmt, als etwa die Bundestraße neu gebaut wurde, musste man die Grabungen dorthin verlagern. Bis 2006 ist man dann beim Atriumhaus geblieben. Ab 2007 haben wir dann das Macellum (Marktgebäude) ausgegraben. Von dort ausgehend ist das Händlerforum ausgegraben worden. Wir haben alle Baustrukturen akribisch dokumentiert um die Baugeschichte genau nachvollziehen zu können. Heuer beschäftigt uns noch das Verwaltungszentrum der Stadt. Der Debantbach ist und bleibt aber ein Hindernis für die archäologischen Grabungen.

Welche Funde betrachten Sie als besonders spektakulär?
Es gibt Funde aus dem mediterranen Raum, Amphoren von griechischen Inseln, in denen Wein transportiert wurde, Schmuckstücke, ein Teil einer Bronzestatue. Was uns bei den Grabungen am meisten begeistert ist, wenn wir Fragmente von Gefäßen oder Münzen an den richtigen Stellen finden. Liegen diese nämlich in Fundamentgruben von Mauern oder sind direkt bei deren Benützung unter die Erde gekommen, ermöglicht uns das sowohl die Datierung eines Gebäudes, als auch dessen Funktion zu bestimmen. Oftmals handelt es sich bei diesen Funden um unscheinbare Scherben, die es selten ins Museum schaffen, für die Wissenschaft sind sie aber von größter Bedeutung.

Welche Forschungsziele wollen Sie in den kommenden Jahren erreichen?
Ein großes Ziel ist es, die genaue Ausdehnung der Stadt besser benennen zu können. Hier greifen wir u.a. auf geophysikalische Methoden zurück. Wir wollen auch die Gräberfelder weiter erforschen und uns mit der Entstehungsgeschichte von Aguntum beschäftigen, um vielleicht auch Spuren der ältesten Baustrukturen zu finden. Sehr wichtig ist auch die wissenschaftliche Auswertung jener Funde und Gebäude, die wir in den vergangenen Jahren gefunden haben.

TIPP:
Am 11.8.2026 von 10 bis 12 Uhr lädt eine Schaugrabung mit Grabungsleiter Martin Auer ein, sich über den aktuellen Ausgrabungsstand zu informieren.
AGUNTUM IST TEIL DER TIROLER LANDESMUSEEN
Das Museum und der Archäologische Park Aguntum in Osttirol wurden Mitte Mai in die Tiroler Landesmuseen eingegliedert. Damit soll der archäologische Standort gestärkt und wissenschaftlich wie kulturtouristisch weiterentwickelt werden.
„Die Tiroler Landesmuseen sind für uns organisatorisch wie fachlich ein starker und verlässlicher Partner. Für den Verein war es in den vergangenen Jahren zunehmend schwierig, die vielfältigen Aufgaben rund um Forschung, Erhaltung und Vermittlung von Aguntum alleine zu bewältigen. Durch die Eingliederung eröffnen sich nun neue Möglichkeiten und langfristige Perspektiven für die nachhaltige Weiterentwicklung“, freute sich Leo Gomig. Landeshauptmann Anton Mattle ergänzte: „Mit der Eingliederung in die Tiroler Landesmuseen schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dieses bedeutende kulturelle Erbe langfristig zu sichern und Aguntum als lebendigen Begegnungsort für die Region und darüber hinaus weiterzuentwickeln.“

Geschichte präsentieren, forschen, vermitteln
Die große Chance, die sich durch die Eingliederung für beide Seiten ergibt, betonte Direktor Andreas Rudigier: „Wir können unserem Publikum neue Zugänge zur römischen Geschichte Tirols eröffnen und zugleich Synergien zwischen Wissenschaft, Vermittlung und Tourismus schaffen. Unser Ziel ist es, den Standort künftig noch stärker in nationale und internationale Forschungsnetzwerke einzubinden und die moderne Vermittlung archäologischer Inhalte weiter auszubauen.“


