18.8.2020
8 min
Mag. Clara Maier

„Iranische Kunst ist immer politisch“

Über Kunst im Iran sprechen die Ausstellungsmacher*innen Tarlan Rafiee und Yashar Samimi Mofakham.

Iran ist für seine Kunstszene bekannt. Allein in Teheran sollen mehr als 200 Galerien und Museen registriert sein. Und das, obwohl das Land ein von Konflikten erschüttertes Gebiet ist: Rivalitäten mit Saudi-Arabien, Israel und den USA drohen immer wieder zu eskalieren, die Menschen sind in ihrer Freiheit stark eingeschränkt.

Wie Kunstschaffende mit der Situation umgehen, erzählen Tarlan Rafiee und Yashar Samimi Mofakham. In einer Sonderausstellung im Ferdinandeum zeigen sie ab September 2020 sieben international bekannte Vertreterinnen und Vertreter der modernen und zeitgenössischen Kunst aus dem Iran.

Sie beide sind selbst Kunstschaffende und organisieren weltweit Ausstellungen. Was, würden Sie sagen, macht moderne iranische Kunst aus?

Yashar Samimi Mofakham: Moderne Kunst im Iran war Teil der Reform von oben, Teil des Plans, den die Kulturbehörden in den 1940er-Jahren entworfen hatten: Sie schickten Kunststudierende nach Europa. Bei ihrer Rückkehr erkannten diese Künstlerinnen und Künstler, dass es nur möglich ist, sich in der internationalen Kunstszene Gehör zu verschaffen, wenn man der eigenen Kunst Ausdruck verleiht. Einige gründeten Galerien, versammelten jüngere Künstlerinnen und Künstler und luden ältere zu Debatten ein. In den 1950er-Jahren begannen jene, die wir heute als Schlüsselfiguren der modernen iranischen Kunst betrachten, sich mit der wichtigen Frage zu beschäftigen: Was bedeutet es, Iraner zu sein? Wenn man die Fassade der Traditionen entfernt, was ist dann drin? Jeder von ihnen fand seine eigene Antwort – und schaffte es, seiner eigenen Kunst Ausdruck zu verleihen.

Tarlan Rafiee: Zwei der Künstler, die in Innsbruck zu sehen sein werden, Parviz Tanavoli und Jazeh Tabatabai, gehörten in den 1950er-Jahren zu diesen Schlüsselfiguren. Jazeh Tabatabai gründete die Iran Modern Art Gallery, eine Galerie für Avantgarden, die keine Ausstellungsorte für ihre Werke finden konnten. Parviz Tanavoli gründete das Atelier Kaboud, einen unabhängigen Kunstraum, den die Saqqā-ḵāna School of Art ins Leben gerufen hat. Es ist die wichtigste und anerkannteste Kunstschule im Iran seit mehr als einem halben Jahrhundert. Wir können sagen, dass die moderne iranische Kunst vor allem ein Versuch ist, nach der Bedeutung von Identität in der modernen Welt zu suchen.

Die Ausstellungsmacher*innen Tarlan Rafiee und Yashar Samimi Mofakham.
© Privat
Die Ausstellungsmacher*innen Tarlan Rafiee und Yashar Samimi Mofakham in einer ihrer Ausstellungen in der Meem Gallery in Dubai 2019.

Wie hat sich die Szene im Iran in den letzten Jahrzehnten entwickelt?

Rafiee: Ich kann ganz überzeugt sagen, dass der Iran immer großartige Künstlerinnen und Künstler hatte. Es gibt nur sehr wenige Lücken in der Geschichte der modernen und zeitgenössischen iranischen Kunst. Aber wir haben auch ernsthafte Probleme mit anderen Teilen der Kunstszene. Vielleicht ist diese Ausstellung in Innsbruck auch eine gute Möglichkeit, im Ausland zu präsentieren, was im Iran vor sich geht.

Mofakham: So sehr es von innen bevorzugt wird, von außen getrennt zu sein, zeigen internationale Medien auch kein Interesse an dem, was wirklich vor sich geht – außer es hängt mit Politik zusammen. Die Definition von Politik und ihre Interessen ändern sich aufgrund der jeweiligen Situation und im Laufe der Zeit immer wieder.

Rafiee: Aber Künstler, Denker, Schriftsteller und Intellektuelle spielen ihre Rolle perfekt.

Tarlan Rafiee: Fal-e Hafez
© Tarlan Rafiee
Iranische Kunst von Tarlan Rafiee: "Fal-e Hafez"

Wie sieht es mit politischer iranischer Kunst aus, wie wird sie beschränkt?

Rafiee: Zunächst müssen wir sagen, dass die Zensur im Iran leider eine lange Geschichte hat, wie in vielen anderen Ländern auch. Sie ist so alt wie die Geschichte des Intellektualismus. Der Unterschied besteht in der Art der Einschränkungen, mit denen jede Gesellschaft konfrontiert ist, und natürlich sind diese Einschränkungen in einigen Ländern offensichtlicher als in anderen.

Mofakham: Tarlan hat einmal in einem Interview erwähnt, dass wir, je mehr unsere Kunstszene national eingeschränkt wurde, auch unter internationalen Sanktionen gelitten haben. Speziell junge Künstlerinnen und Künstler, die außerhalb des Irans noch nicht anerkannt wurden, können nicht reisen, um die Welt zu sehen. Sie werden nicht gehört. Sie werden in Berichten, Magazinen und Artikeln nicht erwähnt, weil sie von innen und außen getrennt wurden. Sie können nicht einmal das bekommen, was sie zur Herstellung ihrer Kunstwerke benötigen.

Rafiee: Aber wenn ich über politische Kunst spreche, kann ich zumindest in meinem Land sagen, dass alles politisch ist. Wenn man ein kritischer Denker und Teil einer intellektuellen Bewegung ist, ist man politisch, auch wenn man sich nicht als politische Person betrachtet. Zumindest für das letzte Jahrhundert war jedes wichtige Kunstwerk in jeder Disziplin irgendwie mit der Politik verbunden.

Hier geht's zur Langversion des Interviews (auf den Pfeil klicken und mehr Antworten lesen)

Autorin

Mag. Clara Maier

hat das Interview in Zeiten von COVID-19 schriftlich geführt und mithilfe von Astrid Flögel aus dem Englischen übersetzt. Einige, immer freundliche und zuvorkommende E-Mails verkehrten zwischen Innsbruck und dem Iran.
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