Kulturvermittlung in jungen Händen
Im Museum soll man sich ruhig verhalten? So heißt es jedenfalls oft. Wer aber im Juni 2025 das Tiroler Volkskunstmuseum besucht hat, dürfte sich über ungewöhnlich lebendige Szenen gewundert haben.Schulklassen, die zwischen Ausstellungsstücken Liegestütze machen und Hampelmänner vorführen? Klingt merkwürdig, tatsächlich gesehen aber vor kurzem im Tiroler Volkskunstmuseum. Dahinter steckte ein cleveres Konzept von sechs Schülerinnen des BG/BRG Innsbruck Sillgasse. Sie hatten sich auf Einladung der Kulturvermittlung der Tiroler Landesmuseen auf das herausfordernde Projekt „Schüler*innen führen Schüler*innen“ eingelassen.
Im Rahmen des Peer-to-Peer-Projektes der Kulturvermittlung übernahmen sie die Aufgabe, andere Schüler*innen durch die aktuelle Sonderausstellung „GERECHT? Geschichten über soziale Ungleichheiten“ zu führen.
Was entspannt klingt, war in Wahrheit das Ergebnis mehrmonatiger Vorbereitung. Welche Themen interessieren mich denn wirklich? Wie stelle ich eine gute Frage? Was möchte ich mit meiner Führung erreichen? Diese und weitere Fragen beschäftigten die Jugendlichen in der Konzeptentwicklung intensiv und bildeten die Grundlage für ihr innovatives Führungskonzept.

Gerechtigkeit kann anstrengend sein
Die Schülerinnen wählten sechs Ausstellungsobjekte aus – und das keineswegs nach dem Prinzip „am leichtesten zu erklären“. Ganz im Gegenteil: Es ging um große, komplexe Fragen. Wer bestimmt über meinen Körper? Was bedeutet diskriminierungsfreie Sprache? Wie fühlt sich Ausgrenzung an?
Sie orientierten sich dabei stark an eigenen Erfahrungen aus dem Schulalltag oder Gesprächen mit Freund*innen. Daraus entwickelten sie interaktive Aufgaben, die ihre jungen Besucher*innen, z.B. eine Klasse der Praxismittelschule Innsbruck, während der Führung auf die Probe stellten. In der Beschäftigung mit den Fragen Wie gerecht sind eigentlich kollektive Strafen? Und braucht es immer einen Schuldigen? entstanden die besagten Liegestütze und Hampelmänner.

Darf man so?
Natürlich lief nicht alles glatt: Technische Probleme und unruhige Gruppen forderten Flexibilität und Anpassungsvermögen. Das eine oder andere Mal wurde auch mit Schokolade der Motivation auf die Sprünge geholfen, eine völlig legitime Strategie.
Auch das Thema „Sprache“ spielte eine zentrale Rolle. Die Schülerinnen merkten schnell: Mit theoretischem Vokabular allein kommt man bei 13- und 14-Jährigen nicht weit. Also stellten sie um. Sie redeten so, wie sie eben sprechen: direkt und offen. Sie waren authentisch und wurden gehört. Darüber war die eine oder andere vielleicht selbst überrascht.
In Erinnerung bleibt vor allem der Mut der jungen Frauen, sich offen und selbstbewusst auf diese ungewohnte Rolle einzulassen. Wer schon einmal versucht hat, eine Gruppe Jugendlicher eine Stunde lang bei Laune zu halten, weiß: Das ist eine echte Kunst, die über ein Schulreferat mit PowerPoint-Präsentation weit hinaus geht.
Mut für die Zukunft
Das Projekt „Schüler*innen führen Schüler*innen“ wurde von Anna Amann und Katharina Walter aus der Kulturvermittlung der Tiroler Landesmuseen geleitet.
Ein großes Dankeschön geht an Severin Schmuck, den begleitenden Lehrer der Klasse 6AC. Möglich wurde das Projekt auch durch den humanistischen Schwerpunkt „Vernetzte Kulturwissenschaften“, der am BG/BRG Innsbruck Sillgasse angeboten wird.
Und natürlich ein riesiges Dankeschön an die Schülerinnen Vera, Sonja, Sina, Madita, Greta und Amira. Sie haben gezeigt, dass junge Menschen bereit sind, sich mit den großen gesellschaftlichen Themen unserer Gegenwart auseinanderzusetzen.
Und das macht Mut für die Zukunft.



