1.2.2021
5 min
Dr.phil. Hansjörg Rabanser

Vom Hexenprozessakt zum Roman

Mit dem Schicksal des jungen Leonhard Tengg aus dem Zillertal, dem “Hexenprozess” und der Aufarbeitung in einem Roman beschäftigte sich Hansjörg Rabanser.

// Auszug aus dem Wissenschaftlichen Jahrbuch 2020 //

Im Jahr 1679 wurde in Meran der Knabe Leonhard Tengg aus dem Zillertal wegen Zauberei zum Tod verurteilt. Rund 250 Jahre später nahm sich der Schriftsteller Josef Leitgeb dieses Schicksals an und verfasste seinen Roman „Kinderlegende“.

Der Salzburger Zauberer Jackl-Prozess (1675–1681) war eine der blutigsten Hexenverfolgungen Europas, in der 139 Menschen den Tod fanden, darunter zahlreiche Bettelkinder. Im Zuge dessen wurde auch in den benachbarten Regionen nach Zauberbuben gefahndet, wobei der 14-jährige Leonhard Tengg aus Stumm im Zillertal in den Blick der Gerichtsobrigkeit geriet. Über sein Schicksal berichtet eine Handschrift, die sich in der Bibliothek des Ferdinandeums erhalten hat.

Alles begann mit einem heftigen Gewitter, das in der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1679 in der Gemeinde Marling zahlreiche Schäden verursachte. Sogleich wurde von Hexenwerk gemunkelt und nach potentiellen Schuldigen Ausschau gehalten. Aus diesem Grund fiel der Verdacht auf den Betteljungen Leonhard Tengg, der sich gerade in Marling aufhielt. Der Knabe wurde im Gericht Stein unter Lebenberg (Lana) festgenommen und vor Gericht gestellt.

Teufelspakt, Wetterzauber, Mäusemacherei

Das Verfahren gestaltete sich jedoch alles andere als einfach, denn Tengg gab sich verstockt, lieferte widersprüchliche Aussagen und verstrickte sich in Lügen. Durch gezielte Fragen gelang es dem Gericht schließlich doch, dem Angeklagten Geständnisse abzuringen: Leonhard Tengg stammte aus ärmlichen Verhältnissen, floh vom stiefväterlichen Hof und zog durch die Alpenregionen, wobei er sich durch Almosensammeln und Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt. Auf seinen Wanderungen begegnete er einem schwarzgekleideten Jäger namens „Zauber Jäggl“, mit dem er einen Pakt schloss, wobei er mit seinem Blut einen Vertrag unterzeichnen musste. Der ominöse Jäger lehrte ihn die Kunst der Zauberei, wie das Heraufbeschwören von Unwettern und das Herbeihexen von Mäusen.

 

Das „Malefiz Urtl“ sah für den Zauberjungen Leonhard Tengg die Hinrichtung durch den Meraner Scharfrichter vor.
© TLM
Das „Malefiz Urtl“ sah für den Zauberjungen Leonhard Tengg die Hinrichtung durch den Meraner Scharfrichter vor.

Urteil: Enthauptung und Scheiterhaufen

Mit solch schwerwiegenden Geständnissen lief das Verfahren auf ein Todesurteil hinaus, weshalb das Gericht Stein unter Lebenberg eine Überstellung in das Land- und Stadtgericht Meran ins Auge fasste, da in Lana keine Todesurteile vollstreckt werden durften. So wurde Tengg in das Meraner Gefängnis verlegt und dort weiteren Verhören unterzogen, wobei es auch zur Anwedung der Folter kam. Das gewünschte Ergebnis ließ zwar auf sich warten, doch das Gericht fällte ein eindeutiges Urteil: Tengg solle für seine zauberischen Vergehen enthauptet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Die Innsbrucker Zentralbehörden, die eine Kontrollfunktion besaßen, stimmten dem Urteil zu und befahlen, dem Jungen einen Priester beizustellen. Bei diesem dürfte es sich um den Benefiziaten Laurentius Paumgartner gehandelt haben, der ein Tagebuch führte und darin auch den Tod Tenggs notierte: Am 13. Dezember 1679 wurde dieser gemeinsam mit zwei weiteren Knaben in Meran hingerichtet.

Leitgebs Roman

Die Regierung unter dem geistlichen Bundeskanzler Ignaz Seipel zeigte deutlich, wie stark die Rolle des Klerus in Österreich war und dieser nicht nur die politischen Geschicke, sondern v. a. den Bildungsbereich prägte. Dass Kinder durch Zwang und Autoritätshörigkeit vermehrt ideologischen Bestrebungen ausgesetzt waren, stieß vor allem bei liberalen Lehrpersonen auf Widerstand, wie Josef Leitgeb und dessen Freund Daniel Sailer. Letzterer war es auch, der Leitgeb um 1926/1927 auf den Fall des Zauberbuben Tengg aufmerksam machte und das Vorgehen gegen diesen mit den Zeitumständen verglich. Der Stoff bot die ideale Möglichkeit, aktuelle Zeitumstände im Deckmantel der Historie (kritisch) zu behandeln. Leitgeb begann im Herbst 1927 mit der Arbeit an einer Erzählung, unterbrach diese immer wieder, änderte auf Rat von Freunden hin Passagen bzw. Personencharakterisierungen und schuf auf diese Weise insgesamt drei Versionen. Die dritte, 1933 vollendete Version erschien 1934 unter dem Titel „Kinderlegende“ im Bruno-Cassirer-Verlag in Berlin und wurde wohlwollend aufgenommen; mehrere Neuauflagen folgten.

 

Josef Leitgeb. Porträtfotografie von Foto Defner, 1946.
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Josef Leitgeb. Porträtfotografie von Foto Defner, 1946.

Geschichte des Betteljungen Lienhard

Leitgeb hat die Quelle im Ferdinandeum eingesehen, allerdings erst nach Fertigstellung des Manuskripts, was jedoch keine Folgen nach sich zog, denn nicht das Verfahren stand für ihn im Vordergrund, sondern vielmehr die Frage nach den Umständen, Mechanismen und Ideologien, die ein unschuldiges Kind zum Justizopfer werden ließen. Im Roman erzählt Leitgeb die Geschichte des naturverbundenen Betteljungen Lienhard, der auf der Suche nach Geborgenheit und Anerkennung vornehmlich auf Misstrauen und Ablehnung stößt. Die zunehmende Stigmatisierung als Zauberbube führt schließlich zu dessen Festnahme und Aburteilung.

Die Zaubereiprozesse gegen Kinder und Jugendliche des 17. Jahrhunderts waren für Josef Leitgeb nichts Fernes. Er sah sie in seiner Epoche in vielen Kinderschicksalen widergespiegelt. Das Thema hat auch heute nicht an Aktualität eingebüsst, denn der physische und psychische Druck und Missbrauch von bzw. an Kindern ist brisanter denn je.

Die Enthauptung von Lienhard. Rudolf Leitgeb, Josefs Bruder, illustrierte die Buchausgabe von 1944.
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Die Enthauptung von Lienhard. Rudolf Leitgeb, Josefs Bruder, illustrierte die Buchausgabe von 1944.

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Der vollständige Artikel wurde im Wissenschaftlichen Jahrbuch 2020 veröffentlicht.

Der heurige 13. Band gliedert sich in drei große Themenbereiche: die COVID-19-Pandemie aus verschiedenen wissenschaftlichen Blickwinkeln; Artikel der Teilnehmer*innen der Tagung „Die Kehrseite des Unsichtbaren“ im Zuge der Ausstellung „Vergessen“ im Ferdinandeum; und diverse Beiträge zu geistes- und naturwissenschaftlichen Themen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Tiroler Landesmuseen.

Wissenschaftliches Jahrbuch 2020
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Wissenschaftliches Jahrbuch 2020

Autor

Dr.phil. Hansjörg Rabanser