25.4.2023
6 min
Dr. Ralf Bormann

Formzertrümmerung

DER EXPRESSIONISMUS IN TIROL

Unter dem Titel „Formzertrümmerung“ stellt die Grafische Sammlung eine Auswahl expressionistischer Grafiken aus Tirol vor.

Im Rausch der Fortschrittsgläubigkeit des beginnenden 20. Jahrhunderts wirft auch die Kunst der Moderne ihr wohlangesessenes Bekenntnis zur getreuen Wiedergabe von Sinneseindrücken, zu etablierten Formen und zum akademischen Kanon ab, um jenseits aller zivilisatorischer Einflüsse vielmehr zu einer kontraintuitiven, expressiven Schilderung der Welt zu finden.

Der umstürzlerische Anspruch des Expressionismus löst sich freilich nicht von dessen bevorzugtem Bildgegenstand, der Lebenswelt, sondern glaubt, in tiefinnerer Natürlichkeit vielmehr zu einer klaren Sicht auf diese vorgedrungen zu sein. Der Expressionismus feiert das ungestüme Zusammentreffen der inneren Welt, die schöpferische Kraft des Dionysischen, mit der äußeren Form, der Figurationskraft des Apollinischen, in dem die Menschen durchaus nicht nur als verschlungene Zwischenwesen dieser beiden elementaren Reiche auftreten: „Unwillkürlich atmen sie die Welt ein und atmen sie, durch ihren Hauch umgeformt, dann wieder aus, freilich ohne sich bewußt zu werden, daß, was sie die äußere Welt nennen, von ihnen selbst erst mit der Welt erzeugt worden ist.“ (Hermann Bahr, 1916) Der Künstler*in fällt die Aufgabe zu, diese alltägliche und unbewusst vor sich gehende Welterzeugung explizit zu machen; nicht mit der Wiedergabe eines apollinisch gefügten Bildgegenstandes, sondern durch die unmittelbare und unverstellte Wiedergabe dessen, „was ihn zum Schaffen draengt“ (Ernst Ludwig Kirchner, 1906), namentlich durch eine Sichtbarmachung des sie anspornenden dionysischen Kunsttriebes, erringen der Künstler und die Künstlerin die Freiheit ihrer bildnerischen Aussagen.

Diese Anschauung entspricht der von Martin Heidegger geforderten Überwindung der Seinsvergessenheit, in der befangen sich der Mensch lediglich „aus der Welt heraus“ als ein Ding unter Dingen versteht, hin zu der Gewahrwerdung des eigenen In-der-Welt-Seins, in dem die kartesische Subjekt-Objekt-Spaltung, eine voneinander unabhängige Existenz von Dasein und Welt, nicht länger fortbesteht. Diese immer wieder neu zu erringende Existenzweise spricht sich im Vollzug des Lebens aus und ist daher ein Geschehen, ein Erlebnis. So wie sich die existenzialistische Wahrheit des Seins im Geschehen zeigt, so bringt im Expressionismus nicht der Gegenstand, sondern die vom Gegenstand ausgelöste Bildaufgabe, das das Bild suchende Erlebnis des Gegenstandes das Kunstwerk hervor. Das Kunstwerk nimmt seinen Ursprung im Streit von Form und Auflösung, im Hergang der Formzertrümmerung.

Während die dionysische Kunstsphäre den ekstatischen Tanz als ihr bevorzugtes Ausdrucksmittel erwählt, zeigt sich in der expressionistischen Bildenden Kunst der Bewegungsniederschlag der Hand der Künstlerin und des Künstlers. Betrachten wir dazu eine 1954 entstandene Tuschpinselzeichnung des Tirolers Norbert Strolz, so finden wir darin den Tempel zu Segesta eingewoben in ein Geflecht von rasch auf das Papier geworfenen Strukturen (s. Abb.). Die heftige Strichführung zeigen in der ruhenden Form – vom Zeichenakt trennen uns unterdessen 70 Jahre – nichtsdestoweniger ein Geschehen, durch die Striche erhält die Form ihre Gestalt aus der Bewegung. Die Form hat die sie erzeugende Bewegung in sich aufgespeichert und „hält diese im waltenden Verbleib“ (Heidegger).

Norbert Strolz, Strengen 1922 – 1990, Segesta, 1954
© TLM / Fotografie: Johannes Plattner
Norbert Strolz Strengen 1922 – 1990 Segesta, 1954 Pinsel in Schwarz (Tusche) auf dünnem Papier 407 x 483 mm (Blatt) Inv. Nr. 20Jh S 1395. Alter Bestand; Eigentum des Landes Tirol

Es ist aufregend, dass Strolz diesen Tempel als Motiv seines expressionistischen Ausdrucksverlangens gewählt hat, denn erstens ist der Tempel selbst in Bewegung (s. Abb.): Der zum Ende des fünften vorchristlichen Jahrhunderts errichtete, indessen nie fertiggestellte Sakralbau weist jene Merkmale auf, mit der die strenge dorische Ordnung in der archaischen und klassischen Zeit subtil in verlebendigt wurde – die Entasis, die nicht-lineare Verjüngung der Schäfte, die den Säulen den Eindruck der Anspannung einträgt; die leichte Kurvatur der horizontalen Bauelemente; die dazu gegenläufige Inklination, das heißt, die Einwärtsneigung der Säulen zur Tempelmitte.

Der Tempel zu Segesta, errichtet um 430/420 v. Chr.
© Hein56didden, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Der Tempel zu Segesta errichtet um 430/420 v. Chr.

Zweitens hat Heidegger den Tempel von Segesta zu einem Ausgangspunkt seiner Vorlesungen von 1935/1936 zum „Ursprung des Kunstwerkes“ genommen: „Das Tempelwerk eröffnet da-stehend eine Welt und stellt diese zugleich zurück auf die Erde, die dergestalt selbst erst als der heimatliche Grund herauskommt. Niemals aber sind die Menschen und die Tiere, die Pflanzen und die Dinge als unveränderliche Gegenstände vorhanden und bekannt, um dann beiläufig für den Tempel, der eines Tages auch noch zu dem Anwesenden hinzukommt, die passende Umgebung darzustellen. Wir kommen dem, was ist, eher nahe, wenn wir alles umgekehrt denken […]. Der Tempel gibt in seinem Dastehen den Dingen erst ihr Gesicht und den Menschen erst die Aussicht auf sich selbst. Diese Sicht bleibt so lange offen, als das Werk ein Werk ist, so lange als der Gott nicht aus ihm geflohen. […] In-sich-aufragend eröffnet das Werk eine Welt und hält diese im waltenden Verbleib. […] Welt ist nicht die bloße Ansammlung der vorhandenen abzählbaren oder unabzählbaren, bekannten oder unbekannten Dinge. Welt ist aber auch nicht ein nur eingebildeter, zur Summe des Vorhandenen hinzu vorgestellter Rahmen. Welt weltet und ist seiender als das Greifbare und Vernehmbare, worin wir uns heimisch glauben. Welt ist nie ein Gegenstand, der vor uns steht und angeschaut werden kann. Welt ist das immer Ungegenständliche, dem wir unterstehen, solange die Bahnen von Geburt und Tod, Segen und Fluch uns in das Sein entrückt halten. Wo die wesenhaften Entscheidungen unserer Geschichte fallen, von uns übernommen und verlassen, verkannt und wieder erfragt werden, da weltet die Welt.“ (Gesamtausgabe, Bd. 5, S. 28–31) Solche Bahnen scheinen in den den Tempel umschlingenden Tuschpinselzügen unserer Zeichnung Ausdruck gefunden zu haben.

Die Kunst des Expressionismus stellt uns in ihren Werken eine Sicht der Welt vor Augen, in der nicht länger überkommene Formen unsere Schau korrumpieren, sondern wir durch die Radikalität der Form hindurch auf den Ursprung, in den Abgrund unseres ahnungsvollen Weltwissens blicken. Dieses Ausdrucksverlangen ging auch an den in Tirol sich stellenden Bildaufgaben nicht spurlos vorüber; wir zeigen aus dem Bestand der Grafischen Sammlung Werke unter anderem von Ernst Nepo, Artur Nikodem, Gerhild Diesner, Walter Honeder, Hilde Goldschmidt, Josef Prantl, Egon Schiele, Oskar Kokoschka und Herbert Boeckl; drei Leihgaben von Radierungen Max Beckmanns bereichern die Präsentation, zu deren Abschluss die Besucher*innen eine fulminante Monotypie Herbert Brandls erwartet, welche die Gegenwärtigkeit des Expressionismus bezeugt.

Autor*in

Dr. Ralf Bormann

 
Ralf Bormann, Leiter der Grafischen Sammlung
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