Im Rausch der Fortschrittsgläubigkeit des beginnenden 20. Jahrhunderts wirft auch die Kunst der Moderne ihr wohlangesessenes Bekenntnis zur getreuen Wiedergabe von Sinneseindrücken, zu etablierten Formen und zum akademischen Kanon ab, um jenseits aller zivilisatorischer Einflüsse vielmehr zu einer kontraintuitiven, expressiven Schilderung der Welt zu finden.
Der umstürzlerische Anspruch des Expressionismus löst sich freilich nicht von dessen bevorzugtem Bildgegenstand, der Lebenswelt, sondern glaubt, in tiefinnerer Natürlichkeit vielmehr zu einer klaren Sicht auf diese vorgedrungen zu sein. Der Expressionismus feiert das ungestüme Zusammentreffen der inneren Welt, die schöpferische Kraft des Dionysischen, mit der äußeren Form, der Figurationskraft des Apollinischen, in dem die Menschen durchaus nicht nur als verschlungene Zwischenwesen dieser beiden elementaren Reiche auftreten: „Unwillkürlich atmen sie die Welt ein und atmen sie, durch ihren Hauch umgeformt, dann wieder aus, freilich ohne sich bewußt zu werden, daß, was sie die äußere Welt nennen, von ihnen selbst erst mit der Welt erzeugt worden ist.“ (Hermann Bahr, 1916) Der Künstler*in fällt die Aufgabe zu, diese alltägliche und unbewusst vor sich gehende Welterzeugung explizit zu machen; nicht mit der Wiedergabe eines apollinisch gefügten Bildgegenstandes, sondern durch die unmittelbare und unverstellte Wiedergabe dessen, „was ihn zum Schaffen draengt“ (Ernst Ludwig Kirchner, 1906), namentlich durch eine Sichtbarmachung des sie anspornenden dionysischen Kunsttriebes, erringen der Künstler und die Künstlerin die Freiheit ihrer bildnerischen Aussagen.
Diese Anschauung entspricht der von Martin Heidegger geforderten Überwindung der Seinsvergessenheit, in der befangen sich der Mensch lediglich „aus der Welt heraus“ als ein Ding unter Dingen versteht, hin zu der Gewahrwerdung des eigenen In-der-Welt-Seins, in dem die kartesische Subjekt-Objekt-Spaltung, eine voneinander unabhängige Existenz von Dasein und Welt, nicht länger fortbesteht. Diese immer wieder neu zu erringende Existenzweise spricht sich im Vollzug des Lebens aus und ist daher ein Geschehen, ein Erlebnis. So wie sich die existenzialistische Wahrheit des Seins im Geschehen zeigt, so bringt im Expressionismus nicht der Gegenstand, sondern die vom Gegenstand ausgelöste Bildaufgabe, das das Bild suchende Erlebnis des Gegenstandes das Kunstwerk hervor. Das Kunstwerk nimmt seinen Ursprung im Streit von Form und Auflösung, im Hergang der Formzertrümmerung.