15.3.2021
5 min
Mag.phil. Wolfgang Sölder

Eine spätbronzezeitliche Lanzenspitze aus dem Lanser See

Der Lanser See wurde im Sommer 2006 zur archäologischen Fundzone: Drei Meter unter Wasser stieß man auf einen Fund aus der Vergangenheit, auf eine Tüllenlanzenspitze des 13. bis 11. Jahrhunderts vor Christus.

// Auszug aus dem Wissenschaftlichen Jahrbuch 2020 //

Im Mittelgebirge südlich von Innsbruck liegt der Lanser See. Anlässlich einer Betauchung der Uferzone barg der jugendliche Finder Marcel Lanzanasto im Sommer 2006 vom leicht verschlammten Seegrund eine bronzene Tüllenlanzenspitze des 13. bis 11. Jahrhunderts v. Chr. Und das in einer Tiefe von knapp drei Metern.

Dieser Gewässerfund zählt formal zu den Tüllenlanzenspitzen mit profilierter Tülle und glattem, geflammtem Blatt und steht den Lanzenspitzen mit schneidenparalleler oder annähernd schneidenparalleler Stufung des Blattes nahe. Deren Verbreitung liegt im südöstlichen Mitteleuropa im Karpaten-Donauraum und erstreckt sich über die Donau nach Süddeutschland und Österreich, streut über Mähren und Böhmen bis nach Polen und in die norddeutsche Tiefebene. Wenige Funde in der Schweiz markieren die westliche Randzone der Verbreitung. Ein gutes Vergleichsstück zur Lanzenspitze findet sich als Einzelfund in Krumsín im Bezirk Prostějov in Mittelmähren.

In der unverzierten Tülle befand und befindet sich die Spitze des Holzschaftes, dessen C14-Beprobung ergab ein Alter von 2955±40 BP, kalibriert 1310 BC (95,4 %) 1020 BC. Ein bronzener Befestigungsstift fixierte den Holzschaft in der Tülle.

Die Schneiden sind bis auf eine kleine Beschädigung intakt, sie weisen noch eine deutliche Schärfe auf. Die Oberfläche überzieht partiell eine dunkelgrüne bis schwärzliche Patina, die goldbraune Bronze schimmert durch.

Lanzenspitze mit geschweiftem, glattem Blatt und profilierter Tülle aus dem Lanser See, Länge 26,45 cm
© TLM
Lanzenspitze mit geschweiftem, glattem Blatt und profilierter Tülle aus dem Lanser See, Länge 26,45 cm

Die Lanzenspitze ist vermutlich eine Weihgabe

Die 26,45 cm lange Lanzenspitze mit maximal 3,95 cm breitem Blatt zeigt keine Gebrauchsspuren, sie gelangte offensichtlich werkstattfrisch auf den Seegrund. Ihrer Länge und Qualität nach ist sie durchaus als Prestigestück zu werten.

Der Grund für die vorsätzliche Deponierung im See konnte vielfältig sein: zum Beispiel als eine Vorgabe für das jenseitige Weiterleben – zum Zweck, den erworbenen Status als (Lanzen-)Krieger zu Lebzeit auch nach dem Tod innezuhaben, somit als Jenseitsausstattung, oder zum Beispiel kultisch-religiös motiviert als Weihgabe an eine Wassergottheit oder als Bitt- oder Dankgabe für zu leistende oder geleistete göttliche Unterstützung. Ein zufälliger Verlust ist auch hinsichtlich der geringen Fundtiefe der Lanzenspitze wohl auszuschließen – es wäre ein Leichtes gewesen, sie zu bergen.

 

Lanzenspitze mit geschweiftem, gestuftem Blatt von Aschau in Nordtirol, Länge 17,1 cm
© TLM
Lanzenspitze mit geschweiftem, gestuftem Blatt von Aschau in Nordtirol, Länge 17,1 cm

Die Lanze zählte als Trutzwaffe zur Ausrüstung des Kriegers. In unserem Raum liegen für die Bronzezeit Lanzenspitzen vor allem als zufällig geborgene Einzelfunde überwiegend in Höhen- und Passlagen vor, sie deuten mit anderen Funden insbesondere für die Spätbronzezeit (ca. 1320–800 v. Chr.) ein Täler übergreifendes Wegenetz an. Etliche Lanzenspitzen mit geschweiftem Blatt verwahrt die Archäologische Sammlung des Ferdinandeums, so z. B. von Aschau – Spießnägel oder von Ruffrè im Nonsberg, Trentino.

Lanzenspitze mit geschweiftem, gestuftem Blatt von Ruffrè im Trentino, Länge 18,9 cm
© TLM
Lanzenspitze mit geschweiftem, gestuftem Blatt von Ruffrè im Trentino, Länge 18,9 cm

Lediglich sporadisch finden sich Lanzenspitzen als Waffenbeigabe in den zahlreichen spätbronzezeitlichen Nordtiroler Brandgräberfeldern, in Kriegergräbern ist das Vollgriffschwert üblich; sie spielte somit offensichtlich eine untergeordnete Rolle in der Waffenausstattung.
Intakt erhalten sind die Lanzenspitzen von Kitzbühel – Lebenberg (Grab 16), Innsbruck – Wilten III/Frauenanger und jene zusammen mit einem Lanzenschuh geborgene von Innsbruck – Hötting III/Allerheiligenhöfe (Grab 1). Vorsätzlich zerbrochen und deformiert sind jene von Vomp – Fiecht-Au aus den mannslangen Steinkisten 22 und 479, letztere mit gestuftem Blatt aufgrund ihrer Länge von 41,4 cm zweifelsohne Statussymbol und Prestigestück. Lediglich als pars pro toto wurde hingegen das deformierte Blattfragment einer Lanzenspitze zusammen mit Brandresten vom Scheiterhaufen in Grab 309 von Volders deponiert – trotz der vorsätzlichen Zerstörung und Defunktionalisierung wies sie den Verstorbenen im Jenseits dennoch als Lanzenträger aus.

Grab 479 der spätbronzezeitlichen Nekropole Vomp – Fiecht-Au mit vorsätzlich zerstörter Waffenausstattung – Schwert und Lanzenspitze – und verschmolzenem, fragmentiertem Gürtelhaken. Die Bruchstücke der Lanzenspitze lagen auf der mit Steinplatten ausgelegten Grabsohle in verschiedenen Bereichen.
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Grab 479 der spätbronzezeitlichen Nekropole Vomp – Fiecht-Au mit vorsätzlich zerstörter Waffenausstattung – Schwert und Lanzenspitze – und verschmolzenem, fragmentiertem Gürtelhaken. Die Bruchstücke der Lanzenspitze lagen auf der mit Steinplatten ausgelegten Grabsohle in verschiedenen Bereichen.

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Der vollständige Artikel wurde im Wissenschaftlichen Jahrbuch 2020 veröffentlicht.

Der heurige 13. Band gliedert sich in drei große Themenbereiche: die COVID-19-Pandemie aus verschiedenen wissenschaftlichen Blickwinkeln; Artikel der Teilnehmer*innen der Tagung „Die Kehrseite des Unsichtbaren“ im Zuge der Ausstellung „Vergessen“ im Ferdinandeum; und diverse Beiträge zu geistes- und naturwissenschaftlichen Themen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Tiroler Landesmuseen.

Wissenschaftliches Jahrbuch 2020
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Wissenschaftliches Jahrbuch 2020

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Mag.phil. Wolfgang Sölder

 
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