Tor zur Vergangenheit
Im Zuge der Restaurierung des Chorgestühls der Schlosskapelle Annenberg (Latsch, Südtirol) ist Faszinierendes zu Tage getreten: Schnitzrückstände im Holz geben Einblick in frühere Arbeitsmethoden.
Im Blogartikel „Vom Museum ins Depot“, in dem das umbaubedingte Ausräumen des Ferdinandeums im Herbst 2024 dokumentiert wurde, war dieses außergewöhnliche Objekt bereits Thema – die Rede ist vom gotischen Chorgestühl aus der Kapelle des Schlosses Annenberg in Latsch in Südtirol, das im Ferdinandeum seinen fixen Standort hatte. Aufgrund seiner Größe – 3,40 Meter hoch und 2,30 Meter breit – und seiner zahlreichen filigranen Elemente war bereits die Demontage des Gestühls aus dem 16. Jahrhundert aufwändig und musste behutsam getätigt werden.

Hunderte Einzelteile
Bei unserem jüngsten Besuch im Sammlungs- und Forschungszentrum in Hall in Tirol begrüßt uns Laura Resenberg, Leiterin der Abteilung Restaurierung, mit den Worten: „Das Ausräumen des Ferdinandeums beschäftigt uns nachhaltig. Selbst jetzt, gut ein Jahr danach, werden viele Objekte noch immer untersucht, gereinigt und wissenschaftlich aufgearbeitet.“ Laura führt uns auch sogleich in die Werkstatt von Volkskunstrestaurator Peter Haag, der derzeit u.a. mit der Untersuchung des erwähnten Chorgestühls beschäftigt ist – was auch unübersehbar ist, denn einzelne Elemente des Gestühls findet man auf nahezu jedem Tisch, in jeder Ecke, auf Staffeleien und auf Werkbänken. Peter Haag erzählt: „Es war uns schon beim Abbau des Gestühls sehr wichtig, jede Schraube, jedes einzelne Teil akribisch zu dokumentieren, damit wir es später ohne Probleme wieder zusammensetzen können. Hierfür entwerfen und verschriftlichen wir auch einen eigenen Aufbauplan.“
Blick in die Vergangenheit
Auf eine ganz besondere Entdeckung machen uns Laura und Peter aufmerksam und präsentieren uns eine auf den ersten Blick gewöhnliche Holzplatte, die die Rückseite des Gestühls darstellte: „Wir haben auf der Unterseite dieser Platte Schnitzrückstände gefunden. Nach näherer Untersuchung haben wir erkannt, dass dies unabsichtliche Werkspuren sind, die aus der Zeit des Aufbaus des Gestühls im Schloss Annenberg um 1516 stammen. Aus ihnen kann man wahnsinnig viel über die Arbeitsweise herauslesen“, betont Laura.
Anhand der Rückstände schließen die Expert*innen beispielsweise, dass die großen Teile des Gestühls vorab in einer Werkstatt gefertigt wurden, feine Schnitzereien und die exakte Anpassung an die räumlichen Gegebenheiten in der Schlosskapelle jedoch erst direkt vor Ort getätigt wurden – und die Holzplatte diente für diese „Feinarbeiten“ als Unterlage. „Man erkennt weiters, welche und wie viele verschiedene Schnitzeisen verwendet wurden – wir schätzen vier bis fünf verschiedene“, erklärt Peter. Zudem sind grafische Skizzen in roter Farbe sowie Zirkelschläge auf dem Holz zu sehen: „Spitz- und Kreisbögen wurden bereits in der Gotik mittels Zirkelschlag konstruiert und ausgearbeitet, die Rückstände zeugen davon“, ergänzt er.

Aussagekräftige Momentaufnahme
„Diese Spuren sind deshalb so interessant, weil sie eine Momentaufnahme und noch dazu unabsichtlich sind. Gerade Letzteres unterstreicht ihre Aussagekraft“, betont Laura. Die Holzplatte war wohl von Anfang an als Arbeitsunterlage gedacht, die danach zum Teil des Chorgestühls selbst wird. Dass diese Arbeitsspuren überhaupt jemals sichtbar würden, war wohl nie beabsichtigt. „Das Chorgestühl wurde im Zuge des Ausräumens des Ferdinandeums das erste Mal seit rund 50 Jahren auseinandergebaut. Es gibt niemanden mehr in unseren Museen, der oder die damals beim Aufbau dabei war, deshalb wissen wir auch nicht, ob diese Spuren damals schon entdeckt worden sind“, erzählt Laura weiter. Wahrscheinlich aber nicht, sonst wären die Spuren wohl schon beim Aufbau vermerkt worden.
„Über die Schulter blicken“
Die Arbeit am Chorgestühl wird Peter noch einige Zeit beschäftigten: „Die einzelnen Elemente müssen behutsam gereinigt und anschließend alte Verleimungen ausgebessert und die Teile restauriert werden. Diese intensive Beschäftigung gibt nicht nur Aufschluss über frühere Arbeitsweisen und -techniken, sondern auch, welche Mittel, z.B. bei Verleimungen, verwendet und wie früher Restaurierungen getätigt wurden. Es ist sehr faszinierend, mehr über damalige Methoden zu erfahren – es ist, als würde man den Handwerkern und Künstlern von damals über die Schulter blicken“, stellt Peter fest.
Über das Chorgestühl
Das dreisitzige Gestühl wurde um 1516 für die Kapelle des Schlosses Annenberg in Latsch in Südtirol aus Zirbenholz geschaffen, wahrscheinlich gestiftet von Arbogast von Annenberg (geboren 1495). Auf der Innenwölbung des Baldachins sind bunte Schildchen angebracht, die auf die Eheverbindungen der Kinder Arbogasts hinweisen. Die Expert*innen der Tiroler Landesmuseen schreiben das Chorgestühl der Werkstatt von Hans Leinberger zu, dies ist allerdings noch nicht gesichert.
Aus der „Chronik des Ferdinandeums“ von 1823 bis 1973 von Erich Egg (von 1956 bis 1985 Direktor des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum) geht hervor, dass das Chorgestühl 1869 ins Ferdinandeum kam. Leider ist nicht vermerkt, um welchen Preis.




