10.12.2020
5 min
Mag.a. Clara Maier

Defregger ganz privat: Nackte Körper und Porträts

Defreggers unbekannte Seite ist ab Dezember im Ferdinandeum zu sehen. Ein Interview über den Osttiroler Künstler.

Defregger war ein Geschäftsmann. Er malte, was sich verkaufen ließ, vom Dirndl bis zur Berglandschaft. Anders im Privaten: Dort brachte er Aktdarstellungen und die Faszination für andere Kulturen auf die Leinwand.

Im Ferdinandeum wird Franz von Defreggers „unbekannte Seite“ gezeigt. Was unterscheidet seine private von der öffentlichen Malerei?

Ausstellungsmacher Peter Scholz: Die Bilder, die er verkaufte, malte er fein und exakt, mit kleinen Pinseln, sodass sie schon fast wie ein Foto wirken. Privat hingegen malte er mit freien, schnellen Strichen, sehr offen – eine Malweise, wie sie französische Künstler in dieser Zeit entwickelt hatten. Das war aber nie für den Markt bestimmt. Ich weiß gar nicht, ob es einen anderen Maler gibt, bei dem man so einen Unterschied zwischen der offiziellen und der privaten Malerei erkennen kann.

Und welche Motive kamen auf seine Leinwand?
Scholz: Viele kennen Defreggers akademisch gemalte Landschaften, Andreas-Hofer-Bilder, Dirndl und bäuerliche Motive. Seine privaten Aktdarstellungen sind den meisten dafür nicht bekannt, es gibt auch nur ganz wenige davon. In der Ausstellung zeigen wir jedoch gleich mehrere, sehr freizügige und für Defregger überraschende Bilder. Weitere eher unbekannte Motive sind Porträts von Menschen aus anderen Kulturen.

Defregger lebte lange vor der Globalisierung, er wuchs auf einem Osttiroler Bauernhof auf und ging erst später nach Paris und München. Wie kam er damals zu Menschen aus fern gelegenen Ländern?

Scholz: Das ist nicht immer ganz klar. Im Fall dieses Mannes (siehe Titelbild) weiß man es nicht. Er könnte ihn auf einem Gemälde oder einer Fotografie gesehen haben oder auch literarisch inspiriert worden sein. Für Defregger ist es aber egal, ob er einen Tiroler Bauern, einen Afrikaner oder einen Rabbi malt, er macht es immer mit derselben Detailgenauigkeit und Sensibilität für die Würde des Dargestellten. Statt, wie viele andere um 1860, orientalische Szenen zu schaffen, die sehr schwülstig einen westlichen Blick widerspiegeln, ist er an den Menschen selbst interessiert. Beim „Rocky Bear“, einem indianischen Ureinwohner (siehe Bild rechts), der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sein wird, wissen wir dafür mehr: Er war Teil von Buffalo Bill’s Wild West Show, die jahrelang durch Europa getourt ist und 1890 in München war. Defregger hat ihn gefragt, ob er ihn porträtieren darf. Es wird auch ein Foto zu sehen sein, das „Rocky Bear“ in Defreggers Atelier zeigt.

Franz von Defregger, Porträt Rocky Bear, 1890 Öl auf Leinwand, 90 x 70 cm, Privatbesitz
© Tiroler Landesmuseen
Franz von Defregger Porträt Rocky Bear, 1890, Öl auf Leinwand, 90 x 70 cm, Privatbesitz

Eigentlich war Defregger ja mit seinen bäuerlichen Motiven sehr erfolgreich. Warum setzte er sich damit langfristig nicht durch?

Scholz: In den 1870er-Jahren war Defregger mit bäuerlichen Szenen und der Inszenierung von Andreas Hofer ein absoluter Superstar. Seine Werke wurden bis in die USA verkauft. Sogar der zu dieser Zeit reichste Mann der Welt, der amerikanische Unternehmer William Vanderbilt, hat ein Bild bei Defregger bestellt. Er malte damals für ein städtisches Publikum, das im aufkommenden Tourismus das Land Tirol als Idylle und vermeintlich heile Welt wahrnahm. Danach ging es bergab, weil er sich ständig wiederholte und die gleichen Motive malte. Vor dem Ersten Weltkrieg verschwinden daher seine Werke aus dem Kunstkanon – auch wenn ihn die breite Öffentlichkeit noch lange Zeit, bis heute, schätzt.

 

Spielte hier auch der Vorwurf der „Nazi-Kunst“ mit?

Scholz: Ja, das kam noch dazu. Defregger wurde posthum zu einem der Lieblingsmaler von Adolf Hitler, der vierzig Gemälde von ihm besaß. Die Werke bekamen dadurch, gerade nach dem Zweiten Weltkrieg, den Geschmack von „Nazi-Kunst“, auch wenn sie das gar nicht sind. Defregger war damals ja schon lange tot. Aber er machte natürlich konservative, akademische Kunst, die das Potential zur politischen Aufladung hat.

Wie wird nun Defreggers Arbeit anderen Künstlern gegenübergestellt?

Scholz: Zu seiner Zeit waren bäuerliche Motive generell sehr beliebt unter den Malern, auch van Gogh, Kirchner, Corinth und viele weitere widmeten sich diesem Thema. Aber es ist die Malweise und Konzeption, die die Künstler unterschied. Wir stellen zum Beispiel zwei impressionistische alpine Landschaften von Lovis Corinth den Almstudien von Defregger gegenüber. Defreggers Ölskizzen sind beide sehr französisch, also in freier und offener Technik gemalt. Man sieht den Einfluss der „Schule von Barbizon“, aus der sich später dann der Impressionismus entwickelte. Die Werke beider Maler wirken sehr modern. Wir möchten damit zeigen, dass es eben auch diese Seite von Defregger gibt.

Ernst Ludwig Kirchner, Hirte (mit langer Peitsche), 1922 Öl auf Leinwand, 90 x 121,5 cm, Stuttgart, Staatsgalerie Stuttgart, erworben 1968
© Staatsgalerie Stuttgart
Ernst Ludwig Kirchner Hirte (mit langer Peitsche), 1922, Öl auf Leinwand, 90 x 121,5 cm, Stuttgart, Staatsgalerie Stuttgart, erworben 1968

Welche bekannten modernen Künstler werden gezeigt?

Scholz: Zuerst der moderne Defregger selbst, der ganz anders ist als seine konventionellen Darstellungen. Dann möchten wir seine privaten und offiziellen Werke den Arbeiten von modernen Malern wie Gustave Courbet, Ernst Ludwig Kirchner, Wilhelm Leibl und anderen gegenüberstellen. Wir hoffen auch, ein Werk von Vincent van Gogh aus dem niederländischen Van Gogh Museum für die Ausstellung zu gewinnen.

Defregger galt als knallharter Geschäftsmann. Er wurde durch seine Kunst zum Millionär. Wie war er als Mensch?

Scholz: Er war ein sehr guter Geschäftsmann, aber als Person auch sehr sympathisch. Ob Gegner, Kritiker oder andere Maler der Moderne – alle betonten, was für ein herzensguter Mensch er war. Das ist wirklich auffallend.

Autorin

Mag.a. Clara Maier

 
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