Neupräsentation aus vier Sammlungen im Ferdinandeum

Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
ab 20. Mai 2020

Innsbruck, am 20. Mai 2020 – Das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum zeigt zur Wiedereröffnung gleich vier Neupräsentationen: Nicht nur der gesamte zweite Stock wird neu gestaltet, auch die Studiogalerie und die Fassade des Ferdinandeums selbst werden neu bespielt. Erstmals seit 100 Jahren wird es eigene Grafik-Kabinette geben.

 

ÄLTERE KUNSTGESCHICHTLICHE SAMMLUNGEN: Kunst vom Barock bis 1900

Die Kunst vom Barock bis 1900 präsentiert sich vollkommen neu und experimentierfreudig. Bekannte Werke erscheinen in spannenden Konstellationen, andere werden erstmals seit langer Zeit wieder gezeigt. Sechs Räume der Älteren Kunstgeschichtlichen Sammlungen werden neu aufgestellt, darunter einer gemeinsam mit der Musiksammlung.

Die Barock-Räume erstrahlen nun in einem frischen, intensiven Rot, das historische Bezüge aufweist und die Kunstwerke besonders gut zur Geltung bringt. Die religiöse Historienmalerei, vertreten durch Tiroler und österreichische Künstler wie Paul Troger, Anton Zoller oder Franz Sebald Unterberger, zeigt die Orientierung an italienischen Vorbildern auf. Hinzu treten herausragende Arbeiten von Antoine Coypel und dem Münchner Hofmaler Johann Andreas Wolff. Einen besonderen Stellenwert nimmt das künstlerische Selbstporträt vom späten 16. bis zum 19. Jahrhundert ein, dem ein ganzer Raum gewidmet ist. Das Ferdinandeum besitzt ungewöhnlich viele dieser Selbstinszenierungen, mitunter von berühmten Künstlerinnen wie Angelika Kauffmann. Der Rundraum mit seiner Pantheon-artigen Kuppel thematisiert nun die Rolle der Habsburger bei der Umgestaltung Innsbrucks und der Gründung des Ferdinandeums. Zu sehen ist u. a. ein Porträt Maria Theresias des Hofmalers Martin van Meytens. Vor einem eleganten hellblauen Hintergrund schließlich wird die Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts gezeigt. Der Bogen spannt sich von berühmten Künstlerinnen und Künstlern der Übergangsphase zwischen Spätbarock, Rokoko und Klassizismus wie Rosalba Carriera, Jean-Étienne Liotard oder Johann Baptist Lampi bis hin zu den bedeutenden Landschaftsmalern des 19. Jahrhunderts wie Carl Rottmann, Josef Anton Koch oder Martin von Molitor. Mit Gabriele Arnhardt-Deininger, der ersten Künstlerin überhaupt, der 1890 eine Einzelausstellung im Ferdinandeum gewidmet wurde, sowie Julie Mihes u. a. wird jetzt deutlich mehr Kunst von Frauen präsentiert.

MUSIKSAMMLUNG: bislang noch nie gezeigte Instrumente

Die Musiksammlung präsentiert sich neu und vielfältig: In drei Themenbereichen sind bislang nie gezeigte Instrumente ebenso zu sehen wie Musikhandschriften und Musikdrucke aus den reichen Beständen. Sie ergeben ein facettenreiches Bild der Musik im höfischen und klösterlichen Umfeld sowie der für Tirol so bedeutenden Tradition der Bläsermusik. Ausgewählte Hörbeispiele ergänzen und verlebendigen die Neupräsentation, die die Vielfalt der Sammlung verdeutlicht.

Ein Ausstellungsbereich ist der blühenden höfischen Musikkultur in Tirol in der Barockzeit gewidmet. Der namhafte Geigenmacher Jakob Stainer profitierte von der Nähe seines Wirkungsortes Absam zum Innsbrucker Hof. Als erster Geigenbauer außerhalb Italiens baute er seine Instrumente mit Formbrett. Diese Technik dürfte er bei Amati in Cremona erlernt haben, sie setzte sich im 18. Jahrhundert allgemein durch. Stainers Instrumente waren bis ins frühe 19. Jahrhundert maßstabsetzend. Seit dem Aussterben der Tiroler Habsburgerlinie 1665 war Innsbruck keine fürstliche Residenzstadt mehr: Die Klöster nahmen sich die höfische Kultur zum Vorbild und entwickelten sich zu Musikzentren von überregionaler Bedeutung. Die Blüte der Klostermusik endete mit der Säkularisation um 1800 weitgehend, dafür stieg die Blasmusik langsam zu einem wesentlichen Faktor regionaler Musiktradition auf. In den Landgemeinden, aber auch in den Städten entstehen anfangs kleine Bläserensembles, die oft als „Musikbanden“ bezeichnet werden. Sie orientieren sich an den Militärkapellen. Das aus der osmanischen Janitscharenmusik übernommene Arsenal an Perkussionsinstrumenten mit Glögglhut, Becken und Trommeln führt zur Bezeichnung „türkische Musik“ für die Blasmusik, die in Tirol bis heute das Musikleben prägt. Blasinstrumente waren bisher nicht Teil der Sammlungspräsentation, nun gestattet eine repräsentative Auswahl Einblick in einen reichen Fundus.

GRAFISCHE SAMMLUNG: „Auferstehung“ mit 32 erstmals ausgestellten Arbeiten

Die Grafische Sammlung feiert in den neu eingerichteten Grafik-Kabinetten nach beinahe 100-jährigem Dornröschenschlaf ihre „Auferstehung“. Sie präsentiert in 32 noch nie gezeigten Arbeiten auf Papier die künstlerische Antwort auf das leere Grab Christi.

Zum Auftakt werden erstmals 32 Arbeiten auf Papier ausgestellt, in denen Tiroler Barockkünstler die Frage nach der Darstellbarkeit des sterbenden und toten Gottessohnes aufwerfen. Sie suchen nach einer Antwort der Bilder auf das leere Grab des Auferstandenen. In vier Kabinetten werden motivischen Paradebeispielen aus der Passion Christi barocke Aktstudien zur Seite gestellt, in denen männliche Modelle die Posen des leidenden und gestorbenen Christus einnehmen. Dazu stellt Dudeserts Wiederholung des berühmten Kupferstiches von Claude Mellan die Frage nach der Darbietung des erniedrigten Sohn Gottes. Seine Antwort nimmt die Form einer einzigen Linie an, die das gesamte Blatt kreisförmig ausfüllt. Einem Vexierbild gleich, erscheint durch die unterschiedlich ausgeprägte Linie vor uns das Antlitz Christi. Zum Abschluss der Ausstellung erinnert die aus dem Grab aufstrebende Gestalt Christi mit einem Blick zurück durch die Raumflucht der Kabinette an manche der zuvor als leblose Körper gegebenen Aktstudien, nunmehr aber in die Senkrechte gebracht. Es zeigt sich, dass die künstlerische Auseinandersetzung mit der Wiedergabe des leblosen Gottessohnes immer schon dessen Auferstehung ästhetisch mitgedacht und vorbereitet hat.

Moderne Sammlung: „dancefloor“ und Außeninstallation

Flankierend zur seiner Neon-Arbeit „de-decode, de-recode, re-decode und re-recode“, die seit März an der Fassade des Ferdinandeums installiert ist und nachts die Museumstraße illuminiert, wird in der Studiogalerie die sechsteilige Arbeit „Dancefloor“ von Christoph Hinterhubers aus dem Jahre 2004 präsentiert.

Angesichts einer exorbitanten Produktion von Zeichen und Bedeutungen, hinter der die Unterscheidung zwischen politischen, ökonomischen und kulturellen Sphären verschwindet, stellt uns Christoph Hinterhuber mit „DANCEFLOOR“ die Frage, in welcher Demokratie wir, bei all der Propaganda, leben oder leben wollen. „DANCEFLOOR“ meint bei Hinterhuber das politische Parkett, auf dem wir uns bewegen, und wenn wir die einzelnen Neon-Slogans miteinander kombinieren, verstehen wir sehr schnell, wie der Kapitalismus Signifikationspraktiken perpetuiert, mit dem Effekt, dass die Produktion von Zeichen und ihre Besetzung mit Bedeutungen zu einer zentralen Wertschöpfungspraktik des Millenniums geworden ist.

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