Künstlerischer Wettbewerb
Ferdinandeum – Kunst an der BaustelleDie Tiroler Landesmuseen haben im September 2024 zur Teilnahme am Wettbewerb „Ferdinandeum – Kunst an der Baustelle“ eingeladen. Anlass ist der Umbau des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum von Frühjahr 2025 bis 2028. Ziel des Wettbewerbs ist die Realisierung von temporären Kunstwerken an der bzw. während der Baustelle des Ferdinandeums. Aus den über 300 Portfolio-Einreichungen hat die Jury im November 2024 acht KünstlerInnen und ein Kollektiv zur Erarbeitung eines Konzeptes für die Baustelle eingeladen. In der finalen Jurysitzung im März 2025 wurden nun die beiden Gewinnerinnen gekürt: Die Künstlerinnen AliPaloma und Johanna Tinzl dürfen auf der Museumsbaustelle ihre eingereichten Konzepte realisieren.
„Museums-Satellit“ von AliPaloma
Das Projekt „Museums-Satellit“ der Südtiroler Künstlerin AliPaloma hat durch die Auseinandersetzung mit aktuellen museologischen Fragestellungen die Jury überzeugt. Mit einer Installation, die die historische Architektur des Ferdinandeums – die Rotunde – in den Außenraum trägt, wird der öffentliche Raum eingebunden: das Museum tritt aus seinen architektonischen Grenzen heraus und wird zu einem offenen, lebendigen Ort des Austauschs. Das Projekt schafft Begegnungen zwischen Menschen, unabhängig von deren sozialem oder kulturellem Hintergrund. Dadurch werden auch Personen erreicht, die bislang keinen Bezug zum Museum hatten. Zudem bringt das Konzept museale Inhalte in den Außenraum, erlaubt eine aktive Teilhabe der Gesellschaft, wodurch das Museum sichtbarer und zugänglicher wird. Diese Offenheit macht das Museum zu einem dynamischen, interaktiven Akteur im urbanen Raum.
Neben dem „Museums-Satellit“ bespielt AliPaloma in einem zweiten Teil den Bauzaun, der das Ferdinandeum umgibt. Gemeinsam mit Grafikdesignerin Mirijam Obwexer hat die Künstlerin Fragen, die in Zusammenarbeit mit dem Museumsteam entstanden sind, grafisch umgesetzt. Diese Fragen laden zur kritischen Auseinandersetzung mit dem neuen Verständnis eines Museums ein, wie zum Beispiel: Wie viel Platz braucht ein Wir? Was in die Zukunft bauen? How can a museum be a plaza, not a palace?
Mit ihrem Siegerprojekt folgt die Künstlerin AliPaloma dem zentralen Thema des Museums-Neubaus: Die Öffnung des Museums nach außen, um es zu einem Ort der Begegnung und zum Verweilen für alle zu machen.
Die zweiteilige Arbeit von AliPaloma wurde als erstes Projekt umgesetzt und ist seit 4. Oktober 2025 am Bauzaun vor dem Ferdinandeum sowie am Herlinde-Pissarek-Hudelist-Platz in Innsbruck (zwischen der Volksschule Innere Stadt und dem Ferdinandeum) zu sehen.
Stimmen des Wandels
Johanna Tinzl
Johanna Tinzl hat für die großen Flächen des Bauzauns und des Baugerüstnetzes überzeugende Textinterventionen unter dem Titel „Stimmen des Wandels“ konzipiert. Ihr Konzept baut auf den Forschungen der Naturwissenschaftlichen Sammlungen des Museums auf. Die Stimmen von Tieren und eines Gletschers, die durch den Klimawandel zunehmend unter Druck geraten, sind durch vier große Textnotationen zu „hören“. Die Entscheidung der Jury beruht auf der gelungenen Übertragung des wissenschaftlichen Auftrags des Museums in ein kraftvolles künstlerisches Konzept, das wissenschaftliche Erkenntnisse sichtbar, erfahrbar und emotional zugänglich macht. Durch ihre außergewöhnliche Dimension erreicht die Intervention eine breite Öffentlichkeit und sensibilisiert für die drängenden Fragen der Biodiversitätskrise und des Klimawandels. Sie zeigt eindrucksvoll, wie Kunst nicht nur wissenschaftliche Diskurse reflektieren, sondern auch zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit essenziellen Zukunftsfragen beitragen kann.
Diese Projekte kamen in die engere Auswahl
temporarily removed
Maria Anwander
Die Arbeit „temporarily removed“ lässt das Museum temporär aus dem Stadtbild verschwinden. In Anlehnung an konventionelle Hinweisschilder in Ausstellungen, die darüber Auskunft geben, dass ein Objekt zu Restaurierungszwecken entfernt werden musste, fungieren die großen Schriftbanner auf dem Baugerüst als vermeintlich museale Beschriftungsschilder und erklären das Museum zum vorübergehend entfernten Objekt. Die Baustelle wird somit zur Projektionsfläche die dazu anregt, über das Museum und die Bedeutung seiner temporären Schließung für die Stadt zu reflektieren. Ein wichtiger Teil des Vorschlags ist ein Folgeprojekt mit Studierenden des Department Bildende Künste & Gestaltung der Universität Mozarteum, die eigene Kunstwerke aus den Bannerstoffen erstellen.
Hört hört!
Manu Delago
In Zeiten einer Baustelle soll das Ferdinandeum nicht sang- und klanglos verweilen. Manu Delago
plant eine Klanginstallation auf dem Baustellenzaun. Gemeinsam mit Studio #0000FF gestaltet Delago ein gigantisches, interaktives Musikinstrument, bestehend aus Baumaterialien sowie recycelten Elementen des Ferdinandeums selbst. Der Zaun wird nicht nur als Begrenzung wahrgenommen, sondern als aktiver Bestandteil des städtischen Lebens. Das Leitmotiv bilden gestimmte PVC-Rohre, wie man sie von jeder Baustelle kennt. Darauf kann man rhythmische Melodien spielen: ob mittelalterliche Gassenhauer, fröhliche Kinderlieder oder goldene Rock-Klassiker, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Die Rohre funktionieren aber auch als überdimensionale Flüsterbögen sowie als künstlerische Objekte, die das Erscheinungsbild der Installation prägen. Mit Fortdauer der Baustelle sollen Materialien und Objekte vor Ort gesammelt werden. Alle Gegenstände sollten bezüglich Tonhöhen, Klangfarben und Lautstärke miteinander abgestimmt sein, so dass viele Menschen damit Freude finden.
Proxies
Simone Häckel und Matthias Einhoff
Das Projekt „Proxies“ von Simone Häckel und Matthias Einhoff greift die historische Auseinandersetzung um die Fassade des Ferdinandeums auf und übersetzt sie in eine zeitgenössische, partizipative Installation am Bauzaun. Im Zentrum steht ein 4 Meter großer goldener Kreis, der an ein leeres Medaillon des Fassadenfrieses erinnert. Dieser rückversetzte, hinterleuchtete Kreis symbolisiert eine Leerstelle für die Imagination und richtet einen Blick auf die einseitige, männlich geprägte Darstellung der historischen Medaillons. Rechts und links des Kreises sind bis zu einer Höhe von 3,80 m Schattenrisse aus Holz angebracht. Diese beginnen mit den Silhouetten der Putten aus dem Originalfries und werden schrittweise durch Motive ergänzt, die in einem partizipativen Prozess mit Museumsmitarbeiter*innen und lokalen Communities entwickelt werden. So entsteht ein dynamisch wachsender Fries, der bis zur Fertigstellung erweitert wird. Proxies versteht den Bauzaun als lebendigen Ort der Auseinandersetzung mit Fragen von Repräsentation, Identität und kultureller Vielfalt.
Universal
Andrea Lüth
„Universal“ sieht vor, den Bauzaun aus Holz direkt zu bemalen. Eine 2,2 m hohe und ca. 160 m lange Leinwand. Andrea Lüth hat 90 Objekte aus allen Sammlungen der Tiroler Landesmuseen abgezeichnet und sie zu Motiven für die Wandmalerei gemacht. Die Zeichnungen werden dicht aneinandergereiht platziert in einer zufälligen Reihenfolge der Gegenstände, die flexibel gestaltet werden kann. Ziel ist es, alle Abschnitte des Bauzauns bis ganz zu den jeweiligen Rändern zu bemalen, damit der Eindruck einer Kette um das gesamte Museum entsteht. Keine Motive werden dabei wiederholt. Abwechselnd werden sie in einer der sechs definierten Farben und schwarzer Linie direkt auf die Holzwand gemalt. Geplant wurden: Primär- und Sekundärfarben bzw. der Farbkreis: Gelb, Rot, Blau + Orange, Violett, Grün. Poster mit den Motiven zur freien Entnahme tragen zur Widererkennung der Installation und somit zur Bindung der Menschen ans Museum bei.
Nord
Christoph Meier
Das Projekt nutzt die Verhüllung des Ferdinandeum während der Umbauphase als aktive Geste der Sichtbarmachung. Die Hülle zeigt ein vertikales Zick-Zack-Muster, das vom Dekor der Schützentrommel des Tiroler Schützenbundes inspiriert ist. Durch die 180°-Drehung des Musters ragen nun die schwarzen Dreiecksspitzen nach oben und formen eine abstrahierte, symbolhafte Kette – eine visuelle Übersetzung der Nordkette. Das Muster knüpft an die Tradition des Sägezahnfrieses an, das als architektonisches Gestaltungselement Fassaden rhythmisiert. Die Verhüllung wird so zur neuen Fassade, die sich als Schablone zwischen Museum und Stadtraum schiebt. Die Intervention erweitert sich auf den urbanen und digitalen Raum: Das Muster kann die digitalen Kanäle des Museums prägen, auf Plakaten an Litfaßsäulen erscheinen, die Titelseite der Tageszeitung überlagern. So entsteht eine visuelle Kohärenz, die die Präsenz des Museums während der Umbauphase verstärkt. Die Baustelle wird zum Raum der Transformation – ein performatives Instrument, dessen akustische Signatur in die visuelle Struktur der Schablone übersetzt wird.
HINEINSCHAUEN
Walter Niedermayr
Das Projekt von Walter Niedermayr ist eine offene Einladung, sich auf die Beobachtung der Transformation des Museums einzulassen. Zum einen schlägt er unter dem Titel „Umarell“ eine Intervention am Bauzaun vor. An verschiedenen Stellen werden kleine Öffnungen realisiert, um Blicke auf die Baustelle zu ermöglichen. Mit dem Wort „Umarell“ bezeichnet man in Italien ältere Menschen, die dem Treiben auf Baustellen zuschauen und durch ihre wachsamen Augen eine soziale Rolle in der Gesellschaft einnehmen. Zum anderen beleuchtet das Projekt die Transformation der Baustelle, indem Niedermayr mit Fotografie und Video die Baufortschritte künstlerisch begleitet. In der Art seiner Werkgruppe „Rohbauten“ werden serielle Arbeiten und Videoclips generiert, die schon während der Umbauzeit in digitaler Form mit dem Publikum geteilt werden können.
VISIONARIA – OUT OF SIGHT
Laurina Paperina
Die interaktive Installation am Bauzaun schafft einen visuellen und fantasievollen Dialog im Stadtraum, der neue Verbindungen mit dem Museum durch eine zeitgenössische Linse anregt. Durch die ironische und poppige Neuinterpretation von ikonischen Figuren und Themen aus den Archiven des Museums schlägt die Installation eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. In der Arbeit verschmelzen Ansätze von Street Art, Public Art und Augmented Reality (AR). Die Bilder können mit einer freien App zum Leben erweckt werden. Die Baustelle des Museums wird damit von einer temporären Barriere zu einer sich entwickelnden visuellen Erzählung. Die Installation hinterlässt auch eine digitale Spur, die das öffentliche Interesse über die Renovierung hinaus aufrechterhält. Dank Augmented Reality reduziert das Projekt den Bedarf an gedruckten Materialien, fördert so ein nachhaltiges Erlebnis und verbessert gleichzeitig Zugänglichkeit und Interaktion.
Das war die Ausschreibung
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Ausschreibung: Ferdinandeum – Kunst an der Baustelle
Ziel des Wettbewerbs ist die Realisierung von temporären Kunstwerken an der bzw. während der Baustelle des Ferdinandeums. Wir suchen Konzepte, die das Baugeschehen kreativ in Szene setzen, die Interaktion zwischen Museum und Stadt fördern und den Transformationsprozess des Museums sichtbar machen. Besondere Beachtung finden sollen umweltfreundliche und nachhaltige Ansätze.
Der Wettbewerb ist zweistufig angelegt: In der ersten Stufe reichen Sie bitte ein Portfolio Ihrer relevanten künstlerischen Arbeiten ein. Ausgewählte Teilnehmer*innen werden zur zweiten Wettbewerbsstufe eingeladen, in der detaillierte Konzepte eingereicht werden. Eine Jury wird die besten Projekte auswählen, die dann im Rahmen des Umbauprojekts umgesetzt werden sollen.
Die Tiroler Landesmuseen-Betriebsgesellschaft m.b.H. lädt Kunstschaffende zur Teilnahme am Wettbewerb „Ferdinandeum – Kunst an der Baustelle“ ein. Anlass ist der Umbau des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum in Innsbruck von Frühjahr 2025 bis 2028.
Wettbewerbszeitraum
- Abgabe Portfolios: bis 31. Oktober 2024 (Die Teilnahmefrist ist bereits abgelaufen.)
- Abgabe Konzepte: bis 28. Februar 2025
- Präsentation der Konzepte vor der Jury: am 10. März 2025
Budget: Bis zu € 100.000 aufgeteilt auf mehrere Projekte.
Wir freuen uns auf Ihre innovativen Ideen und künstlerischen Visionen!
Die Gewinnerinnen von „Kunst an der Baustelle“ stehen fest